Pyromanie
In der klinischen Psychologie wird die Pyromanie (auch pathologische Brandstiftung) als eine spezifische Störung der Impulskontrolle klassifiziert (ICD-10 F63.1; DSM-5 312.33). Sie ist scharf abzugrenzen von krimineller Brandstiftung, die aus Rache, Profitgier oder politischer Motivation geschieht. Bei der echten Pyromanie steht nicht der äußere Zweck, sondern ein innerer, fast unkontrollierbarer Drang im Vordergrund.
Kernmerkmale und diagnostische Kriterien
Damit psychologisch von Pyromanie gesprochen werden kann, müssen laut DSM-5 mehrere Kriterien erfüllt sein:
- Absichtliche Brandstiftung:
Das Legen von Feuer erfolgt mehr als nur einmal und ist bewusst geplant. - Anspannung und Erregung:
Vor der Tat erleben Betroffene eine massive affektive Anspannung oder einen Zustand innerer Unruhe. - Faszination für Feuer:
Es besteht ein übermäßiges Interesse an Feuer und allem, was damit zusammenhängt (Feuerwehr, Ausrüstung, Zerstörungskraft, Asche). - Lust und Erleichterung:
Das Legen des Brandes oder das Beobachten der Flammen führt zu einer unmittelbaren psychischen Entspannung oder sogar zu Euphorie (Befriedigung). - Keine anderen Motive:
Die Tat geschieht ausdrücklich nicht aus finanziellen Gründen, um Spuren zu verwischen, aus Wut oder aufgrund von Wahnvorstellungen (wie bei Schizophrenie).
Psychologische Erklärungsmodelle
Die Psychologie betrachtet das Phänomen durch verschiedene Brillen, um die Ursachen für diesen pathologischen Drang zu verstehen:
1. Die psychoanalytische Sichtweise
Frühe Theorien (unter anderem von Freud) brachten Feuer oft mit sexueller Symbolik in Verbindung (Phallussymbolik, Macht). Heute wird dies eher abstrakt gesehen: Feuer als Symbol für Macht und Kontrolle. Menschen, die sich in ihrem Alltag ohnmächtig oder minderwertig fühlen, erleben durch die zerstörerische Kraft des Feuers ein extremes (wenn auch destruktives) Gefühl von Selbstwirksamkeit.
2. Lerntheorie und Verstärkung
Das Legen des Feuers wirkt als negative Verstärkung. Die unerträgliche innere Anspannung verschwindet in dem Moment, in dem die Flammen lodern. Dieses Gefühl der Erleichterung ist so stark, dass das Gehirn den Vorgang „abspeichert“ und bei der nächsten Stresssituation wieder nach diesem „Ventil“ verlangt. Es entsteht ein Suchtkreislauf.
3. Neurobiologische Faktoren
Es gibt Hinweise darauf, dass Störungen im Serotonin-Haushalt eine Rolle spielen, ähnlich wie bei Kleptomanie oder Spielsucht. Serotonin ist maßgeblich für die Hemmung von Impulsen verantwortlich; ist dieses System gestört, fällt es schwerer, dem „Drang“ zu widerstehen.
Abgrenzung: Pyromanie vs. Brandstiftung
Es ist wichtig zu betonen, dass die Mehrheit der Brandstifter keine Pyromanen sind.
| Merkmal | Pyromanie | Kriminelle Brandstiftung |
| Hauptmotiv | Innerer Drang / Erleichterung | Rache, Versicherungbetrug, Hass |
| Vorbereitung | Oft rituell, Fokus auf das Feuer selbst | Zweckrational, Fokus auf den Schaden |
| Reaktion | Faszination, bleibt oft am Tatort | Flucht, Gleichgültigkeit gegenüber dem Feuer |
| Häufigkeit | Sehr selten (< 1% der Brandstifter) | Häufig |
Abgrenzung zu anderen Impulskontrollstörungen
Die Pyromanie gehört zu einer Gruppe von Störungen, bei denen das Unvermögen, einem Impuls oder Drang zu widerstehen, im Zentrum steht. Obwohl die Handlungen (Stehlen, Spielen, Zündeln) unterschiedlich sind, ist der psychologische Zyklus fast identisch:
- Kleptomanie:
Hier ist es der Drang zu stehlen, ohne dass die Gegenstände gebraucht werden oder einen hohen Geldwert haben. Wie beim Feuerlegen geht es um den „Kick“ und die anschließende Entspannung. - Pathologisches Spielen:
Der Fokus liegt auf dem Risiko und dem Einsatz. Im Gegensatz zur Pyromanie spielt hier die Hoffnung auf Gewinn eine Rolle, doch der Kontrollverlust über den Impuls ist die eigentliche Gemeinsamkeit. - Intermittierende explosive Störung:
Hier entlädt sich die Anspannung in plötzlichen, aggressiven Ausbrüchen (verbal oder physisch). Während der Pyromane seine Handlung oft rituell vorbereitet, ist der Ausbruch hier meist impulsiv–reaktiv.
Pyromanie bei Kindern und Jugendlichen (Brandstiftung vs. Störung)
In der Entwicklungspsychologie ist man mit den Zuweisungen vorsichtig. Nicht jedes Kind, das mit Streichhölzern spielt, ist ein Pyromane:
- Neugierverhalten:
Bei jüngeren Kindern ist das Zündeln oft reine Neugier auf die physikalischen Eigenschaften des Feuers. - Störung des Sozialverhaltens:
Wenn Jugendliche Feuer legen, ist dies oft ein Symptom einer umfassenderen Störung des Sozialverhaltens (z. B. zusammen mit Schulschwänzen oder Tierquälerei). Hier fehlt oft die spezifische „Feuer-Faszination“; das Feuer ist lediglich ein Werkzeug der Rebellion oder Zerstörung. - Echte Pyromanie:
Diese tritt meist erst im frühen Erwachsenenalter voll in Erscheinung und ist durch die oben beschriebene emotionale Bindung an das Element Feuer gekennzeichnet.
Aktuelle Forschung: Komorbidität
Statistiken zeigen, dass Menschen mit Pyromanie selten „nur“ dieses Problem haben. Oft treten begleitend folgende Faktoren auf:
- Affektive Störungen:
Etwa 20-30 % leiden zusätzlich unter Depressionen. - Substanzmissbrauch:
Alkohol wird oft zur „Enthemmung“ genutzt, was die Impulskontrolle weiter schwächt und die Gefahr von Bränden erhöht. - Persönlichkeitsstörungen:
Insbesondere antisoziale oder borderline-typische Züge sind in klinischen Studien häufiger vertreten.
Therapieansätze
Da Betroffene selten von sich aus Hilfe suchen (oft erst nach einer Festnahme), ist die Behandlung herausfordernd:
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT):
Hier lernt der Patient, die Vorboten der Anspannung frühzeitig zu erkennen. Es werden alternative Bewältigungsstrategien für Stress und Wut erarbeitet, die nicht destruktiv sind. - Aversionstherapie / Simulation:
In einem kontrollierten Rahmen wird versucht, die Kopplung von „Feuer“ und „Lust“ zu lösen. - Medikamentöse Unterstützung:
In schweren Fällen können Antidepressiva (SSRI) helfen, die Impulskontrolle auf biologischer Ebene zu stärken.