Rationalisierung

In der Psychologie ist die Rationalisierung ein Abwehrmechanismus, bei dem wir für ein Verhalten oder ein Gefühl, das eigentlich aus irrationalen oder emotionalen Motiven entstand, im Nachhinein eine vernünftige, logisch erscheinende Erklärung konstruieren.

Man rechtfertigt sich also vor sich selbst und anderen mit „Scheingründen“, um den wahren (oft peinlichen oder schmerzhaften) Grund nicht wahrnehmen zu müssen.

Kernmerkmale der Rationalisierung

  • Selbstschutz:
    Das Hauptziel ist es, den Selbstwert zu erhalten und kognitive Dissonanz (Widersprüche im Kopf) aufzulösen.
  • Unbewusster Vorgang:
    Wer rationalisiert, lügt meist nicht bewusst. Er glaubt in diesem Moment selbst an seine logische Argumentation.
  • Verschleierung:
    Die wahren Triebfedern (Angst, Neid, Unfähigkeit, Gier) werden durch moralisch oder intellektuell akzeptable Gründe ersetzt.

Klassische Beispiele

Situation Wahres (unbewusstes) Motiv Rationalisierung (Logische Begründung)
Erziehung Ein Elternteil verliert die Beherrschung und schreit das Kind an. „Das Kind braucht klare Grenzen, sonst lernt es nie Respekt vor Autoritäten.“
Konsum Man kauft ein völlig überteuertes Auto, das man nicht braucht. „Es ist eine Investition in die Sicherheit meiner Familie und spart langfristig Spritkosten.“
Dating Man wird nach einem Date abgewiesen. „Eigentlich hat sie/er sowieso nicht zu mir gepasst, wir haben völlig andere Werte.“
Beruf Man bekommt eine Beförderung nicht. „Ich wollte die Verantwortung gar nicht, die Überstunden hätten meine Work-Life-Balance zerstört.“

Die psychologische Funktion

Der Mensch hat ein starkes Bedürfnis, sich selbst als vernünftig, kompetent und moralisch gut zu erleben. Wenn wir Dinge tun, die diesem Bild widersprechen (z. B. aus Neid handeln oder versagen), entsteht eine schmerzhafte Spannung.

Die Rationalisierung dient als „mentaler Retter“:

  1. Reduktion von Schuldgefühlen:
    „Ich musste so handeln, weil…“
  2. Vermeidung von Scham:
    Das Eingeständnis einer Schwäche wird umgangen.
  3. Wahrung der Integrität:
    Wir behalten das Gefühl, die Kontrolle über unser Handeln zu haben.

Abgrenzung: Rationalisierung vs. Intellektualisierung

Obwohl beide Begriffe ähnlich klingen, gibt es einen feinen Unterschied:

  • Rationalisierung:
    Sucht nach einer Rechtfertigung für ein Verhalten („Ich rauche, weil es mich gesellig macht“).
  • Intellektualisierung:
    Flucht in theoretisches Wissen, um Gefühle gar nicht erst spüren zu müssen („Statistisch gesehen ist das Krebsrisiko bei meiner genetischen Disposition gering“).

Die Gefahr der Rationalisierung

In der modernen Therapie wird Rationalisierung oft als Hindernis für echtes Wachstum gesehen. Wenn man für jedes Fehlverhalten eine „gute Erklärung“ findet, gibt es keinen Grund, sich zu ändern oder aus Fehlern zu lernen. Man bleibt in seinen alten Mustern gefangen, weil man sie erfolgreich „schönredet“.

Rationalisierung oder echte Begründung?

Um den Unterschied zwischen einer echten Begründung und einer Rationalisierung zu finden, gibt es Techniken, die das „logische Gebäude“ sanft erschüttern, um zu sehen, was dahinter liegt.
Als therapeutische Intervention zur Entlarvung von Rationalisierungen sind sie ebenso geeignet, wie zur Selbstreflexion.

Die drei effektivsten Wege um eigene Rationalisierungen zu entlarven.:

1. Der Ehrlichkeitstest: Die „Und was wäre wenn“-Frage

Man nimmt die logische Begründung beim Wort und entfernt sie gedanklich.

  • Szenario:
    Du sagst, du hast den Job nicht gewollt, weil der „Anfahrtsweg zu lang“ war (Rationalisierung).
  • Die Frage:
    „Wenn die Firma direkt gegenüber von deiner Wohnung läge, hättest du den Job dann bekommen? Und wie würde es dir damit gehen?“
  • Der Effekt:
    Wenn plötzlich Panik oder ein Gefühl von Minderwertigkeit aufsteigt („Ich hätte es trotzdem nicht geschafft“), war der Fahrweg nur eine Ausrede (Rationalisierung).

2. Die Fokus-Verschiebung: Körper vs. Kopf

Rationalisierungen finden ausschließlich im Kopf statt. Echte Emotionen sitzen im Körper.

  • Die Technik:
    Während der Klient seine „logischen Gründe“ aufzählt, achtet der Therapeut auf die Körpersprache.
  • Die Intervention:
    „Ich höre Ihre Argumente, aber ich bemerke, dass Ihre Stimme zittert und Sie Ihre Hände fest zusammenpressen. Was passiert gerade in Ihrem Brustkorb, während Sie sagen, dass Ihnen die Absage völlig egal ist?“
  • Das Ziel:
    Die Verbindung zum unterdrückten Gefühl (Schmerz, Angst, Scham) wiederherzustellen.

3. Suche nach Widersprüchen: „Der blinde Fleck“

Prüfen, ob die Logik auch in anderen Lebensbereichen gilt.

  • Beispiel:
    Jemand rationalisiert sein aggressives Verhalten mit: „Ich bin eben ein direkter Mensch, Ehrlichkeit ist mir wichtig.“
  • Die Gegenfrage:
    „Gilt diese radikale Ehrlichkeit auch, wenn andere Sie kritisieren? Oder empfinden Sie es dann als Verletzung?“
  • Der Effekt:
    Wenn die „Logik“ nur dazu dient, das eigene Verhalten zu rechtfertigen, aber nicht als allgemeiner Wert gelebt wird, ist sie eine Schutzbehauptung.

Das „Sowohl-als-auch“ etablieren

In der modernen Therapie geht es nicht darum, die Logik als „falsch“ darzustellen, sondern sie zu erweitern.

„Es kann stimmen, dass der Job einen langen Fahrweg hatte (Logik), und gleichzeitig kann es sein, dass die Absage Ihr Selbstvertrauen tief verletzt hat (Gefühl). Können wir uns diesen verletzten Teil mal kurz ansehen?“

Zusammenfassung: Woran du es selbst merkst

Du rationalisierst höchstwahrscheinlich, wenn:

  1. Deine Erklärung sehr schnell und perfekt parat war.
  2. Du dich defensiv fühlst, wenn jemand deine Logik hinterfragt.
  3. Die Erklärung sich „kalt“ oder rein sachlich anfühlt, obwohl das Thema eigentlich emotional ist.