Reaktivität

In der Psychologie bezeichnet Reaktivität die Veränderung des Verhaltens oder Erlebens einer Person allein aufgrund der Tatsache, dass sie weiß, dass sie beobachtet oder gemessen wird.

Dieses Phänomen stellt eine Herausforderung für die Validität psychologischer Forschung dar, da die Probanden sich nicht mehr „natürlich“ verhalten.

Die wichtigsten Formen der Reaktivität

Phänomen Kerncharakteristik
Hawthorne-Effekt Die Steigerung der Arbeitsleistung oder Verhaltensänderung allein durch das Bewusstsein, Teil einer Studie zu sein.
Soziale Erwünschtheit Das Bestreben, einen guten Eindruck zu hinterlassen und Antworten zu geben, die gesellschaftlich anerkannt sind.
Aufforderungscharakter Die Tendenz von Probanden, die Hypothese des Forschers zu erraten und ihr Verhalten entsprechend (unterstützend oder sabotierend) anzupassen.
John-Henry-Effekt Eine erhöhte Anstrengung der Kontrollgruppe, um nicht schlechter abzuschneiden als die Experimentalgruppe.

Mechanismen und Folgen

Die Reaktivität führt dazu, dass Messwerte verzerrt werden. In der Diagnostik bedeutet das beispielsweise, dass ein Patient in einer klinischen Befragung seine Symptome weniger stark schildert (oder übertreibt), wenn er das Gefühl hat, bewertet zu werden.

Warum tritt Reaktivität auf?

  • Evaluation Apprehension:
    Die Angst, bewertet oder beurteilt zu werden.
  • Selbstaufmerksamkeit:
    Die Beobachtung lenkt den Fokus auf das eigene Ich, was automatische Prozesse stören kann.

Strategien zur Vermeidung

Um die Reaktivität gering zu halten, nutzen Psychologen verschiedene Ansätze:

  1. Nicht-reaktive Methoden:
    Beobachtungen ohne Wissen der Betroffenen (z.B. Archivdaten oder Feldbeobachtungen).
  2. Täuschung (Cover Story):
    Den eigentlichen Zweck der Untersuchung verschleiern.
  3. Anonymisierung:
    Reduziert den Druck, sozial erwünscht zu antworten.

Abgrenzung zur „emotionalen Reaktivität

Obwohl beide Begriffe das Wort „Reaktivität“ enthalten, beschreiben sie in der Psychologie völlig unterschiedliche Ebenen des menschlichen Verhaltens: Die eine betrifft die Methodik (vor allem in der Sozialpsychologie, die andere eine individuelle Empfindlichkeit in der Persönlichkeitspsychologie.

Reaktivität (Methodik/Sozialpsychologie)

Hier geht es um den Einfluss des Beobachters. Es ist ein Effekt, der die „echten“ Daten verfälscht.

  • Mechanismus:
    Ich weiß, dass ich beobachtet werde –> Ich passe mein Verhalten an (bewusst oder unbewusst).
  • Ziel in der Psychologie:
    Man möchte diese Reaktivität meistens vermeiden, um objektive Ergebnisse zu erhalten.

Emotionale Reaktivität (Persönlichkeitspsychologie)

Hier geht es um die individuelle Empfindlichkeit. Es ist eine Eigenschaft der Person selbst.

  • Mechanismus:
    Ein emotionaler Reiz tritt auf –> Mein Nervensystem reagiert mit einer bestimmten Intensität und Geschwindigkeit.
  • Ziel in der Psychologie:
    Man möchte diese emotionale Reaktivität messen, um die Persönlichkeit oder psychische Stabilität einer Person zu verstehen.

Der Vergleich

Merkmal Reaktivität (allgemein/methodisch) Emotionale Reaktivität
Fokus Verhaltensänderung durch Beobachtung. Reizantwort auf emotionale Auslöser.
Ursache Das Bewusstsein, ein Studienobjekt zu sein. Innere biologische und psychische Disposition.
Kontext Forschung, Diagnostik, soziale Interaktion. Persönlichkeit, Temperament, Stressresilienz.
Beispiel Du arbeitest schneller, weil der Chef zuschaut. Du bekommst sofort Tränen in den Augen, wenn dich jemand kritisiert.

Zusammenfassung

Reaktivität ist die bewusste oder unbewusste Verhaltensänderung eines Menschen, die dadurch entsteht, dass er sich als Objekt einer Beobachtung wahrnimmt.

Emotionale Reaktivität ist das individuelle Maß für die Geschwindigkeit, Intensität und Dauer, mit der das psychische und biologische System einer Person auf einen emotionalen Reiz antwortet.