Realistischer Gruppenkonflikt (RCT)

Die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts (Realistic Conflict Theory (RCT)) ist ein sozialpsychologisches Erklärungsmodell für die Entstehung von Vorurteilen, Diskriminierung und intergruppalen Konflikten. Sie wurde maßgeblich durch Muzafer Sherif und sein Ferienlager-Experiment geprägt.

Der Kern der Theorie besagt: Konflikte zwischen Gruppen entstehen nicht primär aus individueller Psychopathologie oder bloßer Unkenntnis, sondern aus einem objektiven Wettbewerb um knappe Ressourcen.

Die zentrale Prämisse

Laut RCT ist das Verhalten zwischen Gruppen eine rationale Reaktion auf die soziale Struktur. Wenn zwei Gruppen das gleiche Ziel verfolgen (z. B. Jobs, Territorium, politischer Einfluss), dieses Ziel aber nur von einer Gruppe erreicht werden kann, entstehen zwangsläufig:

  • Intergruppale Feindseligkeit:
    Die andere Gruppe wird als Bedrohung und Hindernis wahrgenommen.
  • In-Group-Solidarität:
    Der Zusammenhalt innerhalb der eigenen Gruppe nimmt massiv zu, um im Wettbewerb effizienter zu sein.
  • In-Group/Out-Group Bias:
    Die Aufwertung der eigenen Gruppe bei gleichzeitiger Abwertung der Fremdgruppe.

Der Mechanismus: Negative Interdependenz

Die RCT unterscheidet zwischen verschiedenen Arten der Abhängigkeit zwischen Gruppen:

  • Negative Interdependenz:
    Die Interessen der Gruppen widersprechen sich. Der Erfolg der Gruppe A bedeutet den Verlust der Gruppe B. Dies führt zu Vorurteilen und sozialer Ausgrenzung.
  • Positive Interdependenz:
    Die Gruppen können ihr Ziel nur erreichen, wenn sie zusammenarbeiten. Dies führt zur Reduktion von Konflikten (siehe Übergeordnete Ziele).

Psychologische Folgen

Der Wettbewerb verändert die kognitive Wahrnehmung der Mitglieder:

  • Stereotypisierung:
    Die Fremdgruppe wird als homogen und mit negativen Eigenschaften behaftet wahrgenommen (z. B. „Die sind alle aggressiv/unfairst“).
  • Bestätigungsfehler:
    Nur noch Informationen, die das Feindbild stützen, werden wahrgenommen, was die Konfliktspirale weiter dreht.

Anwendung und Beispiele

Die Theorie lässt sich auf viele gesellschaftliche Bereiche anwenden:

  • Wirtschaft:
    Wenn zwei Abteilungen um dasselbe Budget kämpfen, sinkt die Kooperationsbereitschaft und es entsteht „Silo-Denken“.
  • Politik:
    Migration wird oft dann als Bedrohung wahrgenommen, wenn Einheimische das Gefühl haben, um knappe Güter (Wohnraum, Arbeitsplätze) konkurrieren zu müssen – unabhängig davon, ob die Knappheit objektiv existiert.
  • Sport:
    Die Rivalität zwischen Fans verschiedener Vereine eskaliert oft dann, wenn es um den einzigen Aufstiegsplatz geht.

Lösung: Übergeordnete Ziele (Superordinate Goals)

Die RCT bietet auch einen Ausweg: Den Konflikt löst man nicht durch bloßen Kontakt (vgl. Kontakthypothese) oder Appelle an die Vernunft, sondern durch die Schaffung einer positiven Interdependenz. Die Gruppen müssen mit einer Aufgabe konfrontiert werden, die:

  1. Von beiden Gruppen gewünscht wird.
  2. Nur durch gemeinsame Anstrengung erreicht werden kann.

Zusammenfassung

Die Realistic Conflict Theory besagt, dass Gruppenkonflikte und Vorurteile das Resultat eines tatsächlichen oder wahrgenommenen Wettbewerbs um knappe, wertvolle Ressourcen sind und nur durch die Verfolgung gemeinsamer, übergeordneter Ziele dauerhaft gelöst werden können.

Anmerkung: Tajfel und Turner konnten Jahre später mithilfe des Minimal-Group-Paradigmas der Sozialen Identitätstheorie (SIT) zeigen, dass zwischen die Gruppen nicht einmal, wie von Sherif angenommen eine realer Konflikt um Ressourcen vorhanden sein muss, sondern dass allein das „anders-sein“ ausreicht, um den Gruppenkonflikt hervorzurufen.