Resignation
In der Psychologie wird das Phänomen der Resignation oft als ein Zustand beschrieben, in dem ein Individuum die Hoffnung auf eine positive Veränderung aufgibt und sich passiv in eine unangenehme oder belastende Situation fügt.
Das Kernkonzept: Erlernte Hilflosigkeit
Eines der bekanntesten Modelle zur Resignation stammt von Martin Seligman. Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit besagt:
- Wenn ein Mensch wiederholt die Erfahrung macht, dass sein Handeln keine Auswirkungen auf ein negatives Ergebnis hat, stellt er die Versuche ein.
- Dieses Muster wird oft auf neue Situationen übertragen, selbst wenn dort eine Beeinflussung objektiv möglich wäre.
Abgrenzung: Akzeptanz vs. Resignation
Obwohl beide Begriffe ein „Annehmen“ beinhalten, unterscheiden sie sich in der psychischen Auswirkung:
| Merkmal | Akzeptanz | Resignation |
| Einstellung | Konstruktiv & bewusst | Passiv & hoffnungslos |
| Energie | Setzt Energie für Neues frei | Entzieht Energie (Apathie) |
| Fokus | „Ich kann das Wetter nicht ändern, aber meine Kleidung.“ | „Es hat sowieso alles keinen Sinn mehr.“ |
Ursachen für Resignation
Die Ursachen für Resignation sind vielschichtig und lassen sich psychologisch in externe Lebensumstände, individuelle Denkmuster und biografische Prägungen unterteilen.
Chronische Überforderung und Stress
Wenn Anforderungen (im Job, in der Familie oder finanziell) dauerhaft die eigenen Ressourcen übersteigen, tritt oft ein Erschöpfungszustand ein.
- Überforderung:
Resignation dient hier fast als eine Art „Notabschaltung“ der Psyche, um sich vor weiterer Verausgabung zu schützen. - Gratifikationskrisen:
Man investiert viel Energie, erhält aber keine Anerkennung oder Belohnung (weder monetär noch emotional). Das führt zur inneren Kündigung.
Wiederholte Misserfolge (Erlernte Hilflosigkeit)
Wie bereits weiter oben erwähnt, ist die Erfahrung von Kontrollverlust eine Hauptursache.
- Wenn eine Person erlebt, dass ihre Anstrengungen das Ergebnis nicht beeinflussen, entwickelt sie die Überzeugung: „Egal, was ich tue, es ändert nichts.“ Diese Kausalattribuierung (Zuschreibung von Ursachen, siehe Attribution) wird stabil und global: Man glaubt, dass es immer so sein wird und in allen Lebensbereichen gilt.
Kognitive Faktoren: Das Mindset
Die Art und Weise, wie wir Ereignisse bewerten, entscheidet darüber, ob wir resilient bleiben oder resignieren.
- Pessimistischer Erklärungsstil:
Erfolge werden als Zufall abgetan, Misserfolge hingegen als eigenes Versagen oder als unveränderlich („Ich bin eben so“) gewertet. - Starre Glaubenssätze:
Tief sitzende Überzeugungen wie „Ich habe kein Glück verdient“ oder „Die Welt ist ein ungerechter Ort“ fördern eine resignative Grundhaltung.
Biografische und entwicklungspsychologische Ursachen
Oft liegen die Wurzeln in der Kindheit und Jugend:
- Überbehütung:
Wenn Kindern alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, lernen sie nie, mit Frustration umzugehen oder eigene Lösungen zu entwickeln. - Emotionale Vernachlässigung:
Wenn Bezugspersonen nicht auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren, lernt das Kind früh, dass eigenes Handeln (Weinen, Rufen, Bitten) wirkungslos bleibt. - Frühe Traumata:
Massive Kontrollverlust-Erfahrungen in der Kindheit können ein lebenslanges Muster von Passivität als Schutzstrategie festlegen.
Soziologische und systemische Faktoren
Resignation ist nicht immer nur ein individuelles Problem, sondern kann durch das Umfeld begünstigt werden:
- Starre Hierarchien:
In Unternehmen oder Familienstrukturen, in denen Mitbestimmung aktiv unterdrückt wird, ist Resignation eine logische Folge der Ohnmacht. - Soziale Isolation:
Ohne ein stützendes soziales Netzwerk fehlen Korrektive für negative Gedanken und emotionale Unterstützung in Krisenzeiten.
Zusammenfassung der Ursachen-Dynamik
| Ursachen-Typ | Beispiel | Fokus |
| Situativ | Lange Arbeitslosigkeit, chronische Krankheit | Äußere Ohnmacht |
| Kognitiv | „Ich schaffe das sowieso nie.“ | Innere Bewertung |
| Biografisch | Mangelnde Bestätigung in der Kindheit | Gelernte Passivität |
| Biologisch | Neurotransmitter-Ungleichgewicht (Serotonin/Dopamin) | Physiologische Basis |
Resignation in der klinischen Psychologie
In der klinischen Psychologie wird Resignation meist als Leitsymptom oder Verarbeitungsmechanismus innerhalb verschiedener Störungsbilder betrachtet.
Resignation als Symptom psychischer Störungen
Resignation tritt oft als Teil eines klinischen Bildes auf, bei dem die betroffene Person ihre Handlungsfähigkeit als verloren erlebt.
- Depression:
Hier ist die Resignation oft mit einer negativen kognitiven Triade verknüpft: Eine negative Sicht auf sich selbst, die Welt und die Zukunft. Die Resignation äußert sich als Antriebslosigkeit und tiefe Hoffnungslosigkeit. - Burnout-Syndrom:
In der späten Phase des Burnouts schlägt chronischer Stress in Resignation um. Der Betroffene „funktioniert“ nur noch mechanisch und hat „innerlich gekündigt“. - Anpassungsstörungen:
Nach schweren Lebensereignissen (Trennung, Jobverlust) kann Resignation eine maladaptive (nicht hilfreiche) Reaktion sein, um den Schmerz der aktiven Auseinandersetzung zu vermeiden. - Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTVS):
Hier mischt sich Resignation mit einem starken Gefühl der Ungerechtigkeit und Herabwürdigung.
Resignation in der Psychotherapie
Da Resignation meist ein Symptom einer einer psychischen Erkrankung ist (s.o.), gilt es immer diese Erkrankung vorrangig zu behandeln. Resignation als Symptom ist aber stets Teil der Therapie.
Das Ziel der Therapie der Resignation ist es, den Patienten aus der Passivität in die Selbstwirksamkeit zurückzuführen.
Therapeutische Ansätze
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Dies ist der Goldstandard bei resignativen Zuständen.
- Aktivitätenplanung:
- Schrittweise Steigerung angenehmer Aktivitäten, um wieder positive Verstärkung zu erfahren.
- Kognitive Umstrukturierung:
Identifikation von „Alles-oder-nichts-Denken“ oder Katastrophisieren. Sätze wie „Egal was ich tue, es ändert nichts“ werden auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. - Sokratischer Dialog:
Der Therapeut stellt gezielte Fragen, die den Patienten dazu bringen, seine resignativen Überzeugungen selbst zu hinterfragen.
Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
Hier wird ein modernerer Ansatz gewählt:
- Anstatt die negativen Gefühle zu bekämpfen, lernt der Patient, sie anzunehmen, ohne sich von ihnen leiten zu lassen.
- Der Fokus liegt darauf, trotz der Resignation werteorientiert zu handeln (Commitment).
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)
- Hier wird untersucht, ob die Resignation ein unbewusster Schutzmechanismus ist. Vielleicht schützt sie vor erneuten Enttäuschungen, die in der Kindheit erlebt wurden. Das „Aufgeben“ ist dann eine alte Überlebensstrategie, die heute nicht mehr passt.
Die therapeutische Herausforderung
Resignation stellt Therapeuten oft vor eine Hürde, da die Therapiemotivation durch das Symptom selbst gemindert ist.
- Motivational Interviewing:
Eine Technik, um Ambivalenzen aufzulösen und den eigenen Wunsch nach Veränderung zu stärken. - Ressourcenaktivierung:
Der Fokus wird bewusst weg von den Defiziten hin zu den noch vorhandenen Stärken gelenkt (z.B. Hobbys, soziale Kontakte oder frühere Erfolge).
Zusammenfassung der therapeutischen Ziele
| Ziel | Methode |
| Durchbrechen der Passivität | Verhaltensaktivierung (Micro-Steps) |
| Aufbau von Kontrolle | Erfahrung von Selbstwirksamkeit im Kleinen |
| Sinnfindung | Klärung persönlicher Werte und Lebensziele |