Retraumatisierung

Unter Retraumatisierung (engl.: retraumatization) versteht man in der Psychologie das erneute Durchleben eines traumatischen Ereignisses oder die Reaktivierung der damit verbundenen massiven Stresssymptome durch einen Auslöser in der Gegenwart. Dabei wird das Nervensystem erneut in einen Zustand extremer Hilflosigkeit und Überwältigung versetzt, als fände das ursprüngliche Trauma im Hier und Jetzt statt.

Der Mechanismus: Warum geschieht Retraumatisierung?

Ein Trauma zeichnet sich dadurch aus, dass die Erlebnisse nicht als normale Erinnerungen im Langzeitgedächtnis abgelegt werden können. Stattdessen bleiben sie als fragmentierte, hochemotionale „Sinnesinseln“ im impliziten Gedächtnis gespeichert.

Die Ebenen der Retraumatisierung

Retraumatisierung kann in unterschiedlichen Kontexten auftreten, was die Komplexität der Behandlung erhöht:

  1. Im Alltag (Triggering):
    Unvorhersehbare Reize führen zu Flashbacks, Dissoziation oder Panikattacken.
  2. In der Therapie (Iatrogene Retraumatisierung):
    Wenn ein Therapeut den Klienten zu schnell drängt, Details des Traumas zu erzählen, ohne dass ausreichende Stabilität (Resourcing) vorhanden ist. Das Erzählen allein kann das Nervensystem erneut überfluten.
  3. Strukturelle Retraumatisierung:
    Wenn Betroffene (z. B. Opfer von Gewalt) bei Behörden, vor Gericht oder bei Ärzten erneut mit Machtlosigkeit, Unglauben oder Kälte konfrontiert werden, die das ursprüngliche Ohnmachtsgefühl spiegeln.

Abgrenzung: Reaktivierung vs. Retraumatisierung

Es ist wichtig zu unterscheiden, ob eine Erinnerung lediglich unangenehm ist oder ob das System kollabiert:

MerkmalReaktivierung (Triggering)Retraumatisierung
IntensitätStarkes Unbehagen, AngstMassive Überwältigung, Kontrollverlust
ZeitgefühlMan weiß, dass man im Heute istDas Gefühl für das „Heute“ geht verloren
KörperreaktionErhöhter Puls, UnruheExtremer Stress oder völlige Taubheit (Freeze/Shutdown)
Dauer der ErholungMinuten bis StundenTage bis Wochen (Erschöpfung, Depersonalisation)

Prävention und therapeutischer Schutz

In modernen Ansätzen wie dem Somatic Experiencing oder der Traumatherapie nach Reddemann (PITT) steht der Schutz vor Retraumatisierung an erster Stelle.

  • Pacing (Dosierung):
    Informationen werden nur in kleinsten Portionen (Titration) bearbeitet.
  • Stabilität vor Konfrontation:
    Erst wenn der Klient über Techniken verfügt, sich selbst zu beruhigen (z. B. Self-Holding, Tresor-Übung), wird vorsichtig an das Trauma herangetreten.
  • Die Beobachterrolle:
    Betroffene lernen, die traumatische Szene wie durch eine dicke Glasscheibe oder aus großer Entfernung zu betrachten, um die emotionale Distanz zu wahren.

Was tun bei einer akuten Retraumatisierung?

Wenn man merkt, dass man oder das Gegenüber in ein Trauma-Erleben rutscht, ist Erdung die oberste Priorität:

  1. Augen offen halten:
    Den visuellen Kontakt zur Gegenwart erzwingen.
  2. Körperreize:
    Die Füße fest in den Boden drücken, kalte Luft atmen oder einen Eiswürfel in die Hand nehmen.
  3. Zeitliche Einordnung:
    Laut aussprechen: „Ich bin [Name], es ist das Jahr 2026, ich bin in [Ort] und ich bin jetzt in Sicherheit.“

Zusammenfassung

Retraumatisierung bezeichnet das unkontrollierte Wiedererleben eines traumatischen Ereignisses durch aktuelle Auslöser (Trigger), wobei das Nervensystem erneut mit extremer Angst und Hilflosigkeit überflutet wird. Da das Gehirn dabei nicht zwischen „Damals“ und „Heute“ unterscheiden kann, kommt es zu massiven körperlichen Reaktionen oder psychischem Erstarren. Die Prävention setzt auf eine strikte Dosierung von Erinnerungen und die vorrangige Stärkung der inneren Stabilität (Resourcing).