Reue

Reue (engl. regret, remorse) ist in der Psychologie ein komplexes, moralisches Gefühl, das entsteht, wenn wir unser eigenes vergangenes Handeln negativ bewerten und uns wünschen, wir hätten uns anders entschieden.

Im Gegensatz zu Scham (die sich auf das gesamte „Selbst“ bezieht: „Ich bin schlecht“) bezieht sich Reue auf eine spezifische Tat („Ich habe etwas Schlechtes getan“).

Die zwei Arten der Reue

Die Forschung (insb. Gilovich & Medvec) unterscheidet zwei Formen, die sich zeitlich unterschiedlich entwickeln:

  • Reue über Handlungen (Regret of Action):
    Man bereut etwas, das man getan hat (z. B. einen Streit angefangen, Geld verschwendet). Diese Reue ist kurzfristig oft sehr intensiv, lässt aber schneller nach, da man oft versuchen kann, den Schaden wiedergutzumachen.
  • Reue über Unterlassungen (Regret of Inaction):
    Man bereut Dinge, die man nicht getan hat (z. B. eine Chance nicht genutzt, sich nicht getraut). Diese Form der Reue nimmt langfristig zu und quält Menschen oft noch im hohen Alter („Was wäre gewesen, wenn…?“).

Funktion der Reue

Obwohl Reue schmerzhaft ist, hat sie eine wichtige psychologische und soziale Funktion:

  • Lerneffekt:
    Sie dient als Korrekturmechanismus, um ähnliche Fehler in der Zukunft zu vermeiden.
  • Sozialer Kitt:
    Das Zeigen von Reue signalisiert Mitgefühl und die Anerkennung sozialer Normen, was die Versöhnung und den Gruppenzusammenhalt ermöglicht.

Abgrenzung: Reue vs. Schuld vs. Scham

Merkmal Reue Schuld Scham
Fokus Das Ergebnis einer Entscheidung. Die Verletzung einer moralischen Norm. Die Bewertung der eigenen Person („Ich bin schlecht“).
Kognition „Hätte ich doch anders gewählt.“ „Ich habe jemandem geschadet.“ „Wie stehe ich vor anderen da?“
Reaktion Wunsch nach Korrektur/Lernen. Wiedergutmachung. Rückzug/Verstecken.
Zeitraum Vergangenheits- und zukunftsorientiert. Vergangenheitsorientiert. Gegenwartsorientiert (Zustand).

Reue und Abwehr

Wenn Reue zu schmerzhaft wird, schalten sich oft  Abwehrmechanismen ein:

  • Rationalisierung:
    Man redet sich ein, dass man gar keine andere Wahl hatte.
  • Devaluation:
    Man wertet die Person ab, der man geschadet hat, um das Gefühl der Schuld/Reue zu mindern („Die hat es eh verdient“).

Zusammenfassung

Reue ist der kognitive und emotionale Rückblick auf Fehlentscheidungen. Während kurzfristig Taten bereut werden, wiegt langfristig das Versäumnis von Chancen (Unterlassung) schwerer.