Rigidität
In der Psychologie bezeichnet Rigidität (lateinisch rigidus = starr, steif) eine mangelnde psychische Flexibilität. Es ist die Tendenz eines Menschen, starr an einmal gefassten Meinungen, Gewohnheiten oder Lösungsansätzen festzuhalten, selbst wenn die Situation eine Veränderung oder Anpassung erfordern würde.
Man kann Rigidität als das Gegenteil von Ambiguitätstoleranz (der Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten) und Flexibilität betrachten.
Formen der Rigidität
Die Psychologie unterscheidet meist drei Ebenen, auf denen sich Starrheit zeigen kann:
1. Kognitive Rigidität (Denken)
Dies betrifft die geistigen Prozesse. Betroffene haben Schwierigkeiten, ihre Denkmuster zu ändern.
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Beispiel:
Jemand versucht ein technisches Problem immer mit derselben Methode zu lösen, obwohl diese bereits fünfmal gescheitert ist („Das haben wir schon immer so gemacht“). - Merkmal:
Eingeschränktes Problemlöseverhalten und Schwierigkeiten beim Umdenken (Umsprung-Resistenz).
2. Affektive Rigidität (Fühlen)
Hierbei geht es um die emotionale Unbeweglichkeit.
- Beispiel:
Eine Person verharrt übermäßig lange in einer bestimmten Stimmung (z. B. Groll oder Trauer), auch wenn der Anlass längst vorbei ist oder positive Ereignisse eintreten. - Merkmal:
Gefühle klingen nur sehr langsam ab oder können nicht an neue soziale Situationen angepasst werden.
3. Motivationale/Soziale Rigidität (Handeln)
Das Festhalten an sozialen Normen, Werten oder Verhaltensregeln, auch wenn diese unangebracht oder schädlich sind.
- Beispiel:
Strenges Befolgen von Prinzipien, selbst wenn dies die Beziehung zu geliebten Menschen belastet. - Merkmal:
Intoleranz gegenüber Abweichungen und ein starkes Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit.
Rigidität im Kontext psychischer Störungen
Während ein gewisses Maß an Beständigkeit hilfreich sein kann (Verlässlichkeit), ist ausgeprägte Rigidität oft ein Symptom klinischer Krankheitsbilder:
- Zwanghafte Persönlichkeitsstörung:
Hier ist Rigidität das Kernmerkmal. Betroffene sind extrem perfektionistisch, unflexibel in Bezug auf Moral und Regeln und können Aufgaben nicht abgeben. - Anorexia Nervosa:
Rigidität zeigt sich hier im obsessiven Festhalten an Ernährungsregeln und Kalorienzählen. - Autismus-Spektrum-Störungen:
Ein starkes Bedürfnis nach Routinen und Widerstand gegen kleinste Veränderungen im Tagesablauf. - Depression:
Kognitive Rigidität äußert sich oft in unumstößlichen negativen Glaubenssätzen („Ich werde niemals Erfolg haben“).
Ursachen und Messung
Biologische und psychologische Faktoren
- Frontalhirn:
Schädigungen oder Dysfunktionen im präfrontalen Cortex führen oft zu massiver kognitiver Rigidität (Exekutive Funktionen). - Angst:
In unsicheren Situationen neigen Menschen dazu, rigide zu werden, da Regeln und starre Muster ein (trügerisches) Gefühl von Sicherheit vermitteln.
Diagnostik
In der psychologischen Diagnostik wird Rigidität häufig mit dem Wisconsin Card Sorting Test (WCST) gemessen. Dabei müssen Probanden Karten nach Regeln sortieren, die sich während des Tests unangekündigt ändern. Rigide Personen sortieren nach der alten Regel weiter, obwohl sie merken, dass sie keine Punkte mehr bekommen (Perservation).
Wie geht man mit Rigidität um?
In der Psychotherapie (insbesondere der KVT und ACT) wird an der Psychischen Flexibilität gearbeitet:
- Achtsamkeit:
Bemerken, wann man gerade „feststeckt“. - Kognitive Defusion:
Gedanken als das sehen, was sie sind (Worte im Kopf), nicht als unumstößliche Gesetze. - Verhaltensexperimente:
Bewusst kleine Routinen brechen, um die Erfahrung zu machen, dass keine Katastrophe eintritt.
Abgrenzung: Prinzipientreue vs. Rigidität
Nicht jeder, der an seinen Werten festhält, ist rigide. Der entscheidende Unterschied liegt in der Funktionalität und dem Leidensdruck.
| Merkmal | Gesunde Prinzipientreue | Psychologische Rigidität |
| Anpassung | Man kann Ausnahmen machen, wenn die Situation es erfordert. | Regeln werden blind befolgt, auch wenn sie schaden. |
| Zielorientierung | Prinzipien dienen dazu, ein wertvolles Leben zu führen. | Das Einhalten der Regel wird zum Selbstzweck. |
| Soziale Folgen | Fördert Vertrauen und Verlässlichkeit in Beziehungen. | Führt zu Konflikten, Isolation und Unverständnis. |
| Emotionen | Stolz auf die eigene Integrität. | Angst, Panik oder Wut, wenn die Struktur bricht. |
Zusammenfassung
Rigidität ist oft ein Schutzmechanismus gegen Angst. Je unsicherer sich ein Mensch fühlt, desto fester klammert er sich an starre Muster. Heilung bedeutet hier nicht, alle Regeln aufzugeben, sondern die Freiheit zurückzugewinnen, die Regel bewusst zu wählen oder eben zu brechen.