Rückfallprophylaxe
Unter Rückfallprophylaxe (auch Rückfallprävention) versteht man in der Psychologie und Psychotherapie gezielte Strategien und Maßnahmen, die verhindern sollen, dass Patienten nach einer erfolgreichen Behandlung (z. B. bei Depressionen, Suchterkrankungen oder Angststörungen) in alte Verhaltensmuster zurückfallen.
Das Ziel ist nicht unbedingt die lebenslange Abwesenheit von Symptomen, sondern der kompetente Umgang mit „Ausrutschern“, damit diese nicht zu einem vollwertigen Rückfall (Relapse) werden.
Das Modell nach Marlatt & Gordon
Eines der bekanntesten Konzepte ist das Rückfallmodell von Alan Marlatt. Es unterscheidet strikt zwischen einem „Laps“ (einem einmaligen Ausrutscher) und einem „Relapse“ (dem völligen Rückfall in das alte Muster).
- Hochrisikosituationen:
Situationen, in denen die Selbstkontrolle bedroht ist (z. B. sozialer Druck, negativer emotionaler Zustand, Konflikte). - Bewältigungsfertigkeiten (Coping):
Verfügt die Person über Strategien, sinkt das Rückfallrisiko. Fehlen sie, sinkt die Selbstwirksamkeit. - Abstinence Violation Effect (AVE):
Der „Dammbruch-Effekt“. Wenn ein Ausrutscher als totales Versagen gewertet wird, führt die Scham oft direkt in den vollständigen Rückfall.
Zentrale Strategien der Prophylaxe
In der Therapie werden meist folgende Bausteine erarbeitet:
Identifikation von Warnsignalen
Rückfälle kündigen sich oft Tage oder Wochen vorher an.
- Interne Signale:
Grübeln, Schlafstörungen, vermehrte Gereiztheit. - Externe Signale:
Stress im Job, Kontakt zu bestimmten Personen, Meiden von Therapieterminen.
Erstellung eines Notfallplans
Ein konkreter „Laufzettel“ für die Krise:
- Sofortmaßnahmen:
Den Ort verlassen, eine Vertrauensperson anrufen. - Kognitive Umbewertung:
Den Ausrutscher als Lerngelegenheit sehen, nicht als Katastrophe. - Kontaktlisten:
Telefonnummern von Therapeuten, Kliniken oder Krisendiensten.
Training von Bewältigungskompetenzen
- Rollenspiele:
Ablehnungstraining (z. B. „Nein“ sagen zum Glas Wein). - Emotionsregulation:
Skills lernen, um mit Hochspannungsphasen umzugehen (z. B. Atemtechniken, Sinnesreize).
Die Rolle der Selbstwirksamkeit
Ein entscheidender Faktor ist der Glaube an die eigene Fähigkeit, schwierige Situationen meistern zu können (Selbstwirksamkeitserwartung). Die Rückfallprophylaxe stärkt dieses Vertrauen, indem sie den Patienten vom „Opfer seiner Umstände“ zum „Manager seiner Erkrankung“ macht.
| Begriff | Bedeutung |
| Laps | Einmaliges Ereignis, korrigierbar. |
| Relapse | Rückkehr zum Ausgangsniveau der Problematik. |
| Frühwarnsystem | Individuelle Liste mit ersten Anzeichen einer Verschlechterung. |