Selbstbehauptung

Selbstbehauptung (engl. Self-Assertiveness) bezeichnet in der Psychologie die Fähigkeit, eigene Interessen, Bedürfnisse und Meinungen angemessen zu vertreten und Grenzen zu setzen, ohne dabei die Rechte anderer zu verletzen. Sie ist ein zentraler Bestandteil der sozialen Kompetenz und eng mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit verknüpft.

Das Konzept der Selbstbehauptung

Selbstbehauptung ist die goldene Mitte zwischen zwei dysfunktionalen Extremen: Passivität und Aggression.

Verhalten Ziel Wirkung auf andere
Passiv Konfliktvermeidung um jeden Preis. Man wird übersehen oder ausgenutzt; Frust staut sich an.
Aggressiv Dominanz und Durchsetzung der eigenen Ziele. Andere fühlen sich angegriffen oder entwertet; Beziehungen leiden.
Selbstbehauptend Klarheit, Respekt und Lösungsorientierung. Man wird ernst genommen; Grenzen werden respektiert.

Kernkompetenzen der Selbstbehauptung

Um sich psychologisch gesund zu behaupten, sind meist drei Ebenen gefordert:

  • Kognitive Ebene:
    Die Überzeugung, dass man das Recht hat, Wünsche zu äußern und „Nein“ zu sagen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
  • Emotionale Ebene:
    Die Fähigkeit, mit der Angst vor Ablehnung oder kurzzeitigen Spannungen umzugehen, die durch ein „Nein“ entstehen können.
  • Verbale/Nonverbale Ebene:
    Einsatz von Ich-Botschaften, Blickkontakt, einer festen Stimme und einer aufrechten Körperhaltung.

Techniken der Selbstbehauptung

In der Verhaltenstherapie werden spezifische Techniken trainiert, um die Selbstbehauptung zu stärken:

  • Die „Kaputte Schallplatte“:
    Eine Forderung oder ein „Nein“ ruhig und freundlich wiederholen, ohne sich auf Nebenschauplätze oder Rechtfertigungen einzulassen.
  • Ich-Botschaften:
    Statt „Du respektierst mich nie“ (Angriff) lieber „Ich fühle mich übergangen, wenn Entscheidungen ohne mich getroffen werden“ (Bedürfnis).
  • Ärger-Management:
    Den Moment zwischen Reiz und Reaktion nutzen, um nicht impulsivaggressiv, sondern kontrolliertbehauptend zu reagieren.

Abgrenzung zur Anspruchshaltung und zum Egoismus

Ein häufig von Klienten mit einer Selbstwertproblematik in der Therapie vorgebrachter Einwand gegen die Selbstbehauptung lautet: „Aber wenn ich das tue, ist das doch egoistisch“. Die Antwort lautet: „Nein, das ist es nicht, die eigenen Bedürfnisse haben die gleiche Berechtigung wie die der anderen“.
Das Problem liegt eher in der Überzeugung („meine Meinung ist nichts wert“), dass die eigenen Bedürfnisse unter denen der anderen stehen und damit keine Berechtigung haben.

Um das klarzustellen, grenzen wir hier noch einmal ab:

Selbstbehauptung unterscheidet sich von der Anspruchshaltung und vom Egoismus vor allem durch die Angemessenheit der Vertretung eigener Interessen, Bedürfnisse, Rechte, Grenzen und Meinungen und die Anerkennung ebensolcher bei anderen. Sie fordert keine Privilegien auf Kosten anderer ein.

  • Anspruchshaltung
    fordert Privilegien ein, die einem (vermeintlich) zustehen, oft auf Kosten anderer.
  • Egoismus
    sieht nur die eigenen Bedürfniss ohne die der anderen zu berücksichtigen.
  • Selbstbehauptung
    schützt den eigenen Raum und die eigenen Rechte, erkennt aber an, dass andere dieselben Rechte haben.

Selbstwirksamkeit als Motor

Selbstbehauptung ist nur möglich, wenn eine Person über eine gewisse Selbstwirksamkeitserwartung verfügt – also den Glauben daran, dass das eigene Handeln tatsächlich einen Unterschied macht. Wer glaubt, sowieso nichts ändern zu können (erlernte Hilflosigkeit), wird sich selten behaupten.

Zusammenfassung

Selbstbehauptung ist die Fähigkeit zur angemessenen Interessenvertretung und Grenzziehung in sozialen Interaktionen. Sie basiert auf einem gesunden Selbstwert und der Überzeugung der eigenen Selbstwirksamkeit, wobei das Ziel die Wahrung der eigenen Integrität unter gleichzeitiger Berücksichtigung zwischenmenschlicher Respektnormen ist.