Selbstbestätigungstheorie
Die Selbstbestätigungstheorie (Self-Affirmation Theory), die 1988 von Claude Steele begründet wurde, ist ein Konzept der Sozialpsychologie. Sie erklärt, wie Menschen mit Informationen oder Situationen umgehen, die ihr Selbstbild bedrohen.
Das Kernkonzept: Das „Selbstsystem“
Die Theorie geht davon aus, dass Menschen danach streben, die Integrität des Selbst aufrechterhalten. Dabei geht es nicht darum, in jedem Bereich perfekt zu sein, sondern sich insgesamt als „angemessen“, „moralisch gut“ und „adaptiv“ wahrzunehmen.
- Das Selbst als flexibles Netz:
Wir sehen uns nicht nur über eine einzige Eigenschaft (z. B. „ich bin ein guter Autofahrer“), sondern über ein ganzes System von Rollen und Werten (Freund, Sportler, hilfsbereiter Mensch, kompetenter Mitarbeiter). - Globale Integrität:
Wenn ein Teil dieses Netzes angegriffen wird, versucht das System, die Stabilität des gesamten Netzes zu bewahren.
Reaktion auf Bedrohungen
Wenn wir mit Informationen konfrontiert werden, die uns infrage stellen (z. B. Kritik an unserer Arbeitsweise oder der Hinweis auf ungesundes Verhalten), reagieren wir normalerweise defensiv:
- Wir leugnen die Information.
- Wir zweifeln die Glaubwürdigkeit der Quelle an.
- Wir suchen nach Ausreden.
Die Selbstbestätigung fungiert hier als Puffer. Wenn ich mir vor der Konfrontation mit der Kritik bewusst mache, dass ich in einem anderen Bereich (z. B. meinen Werten oder meiner Familie) sehr gefestigt bin, sinkt das Bedürfnis, defensiv zu reagieren. Ich kann die Kritik sachlicher annehmen, weil mein globaler Selbstwert nicht mehr an dieser einen Sache hängt
Der psychologische Mechanismus
Der Prozess der Selbstbestätigung läuft oft in drei Schritten ab:
- Bedrohung:
Eine Information gefährdet einen Teil des Selbstbildes (z. B. „Rauchen ist tödlich“ bedroht das Bild des „vernünftigen Menschen“). - Affirmation:
Die Person reflektiert über einen wichtigen, unabhängigen Wert (z. B. „Ich bin ein sehr großzügiger Mensch“). - Wiederherstellung der Integrität:
Das Selbstbild ist wieder stabil. Die bedrohliche Information kann nun objektiver betrachtet werden, ohne dass das Ego „zusammenbricht“.
Anwendung und Forschungsergebnisse
Die Theorie hat weitreichende praktische Anwendungen gefunden:
- Gesundheitspsychologie:
Menschen, die sich vorher selbst bestätigen (z. B. durch Schreiben über ihre wichtigsten Werte), sind eher bereit, Warnhinweise auf Zigarettenschachteln ernst zu nehmen oder Sportprogramme zu starten, statt sie als „übertrieben“ abzutun. - Bildung (Stereotype Threat):
Schüler aus Minderheiten erbringen oft schlechtere Leistungen, wenn sie Angst haben, ein negatives Stereotyp zu bestätigen. Kurze Schreibübungen zur Selbstbestätigung konnten in Studien diese Leistungslücke signifikant schließen. - Beziehungen:
In Konflikten hilft Selbstbestätigung dabei, weniger defensiv zu reagieren und konstruktivere Lösungen zu finden.
Zusammenfassung
| Merkmal | Beschreibung |
| Ziel | Schutz der globalen Selbstintegrität. |
| Strategie | Fokus auf positive Aspekte des Selbst, die nicht mit der aktuellen Bedrohung zusammenhängen. |
| Effekt | Reduktion von Defensivität, höhere Offenheit für Kritik, Stressreduktion. |
| Unterschied zu Affirmation | Es geht nicht um „positives Denken“, sondern um die Rückbesinnung auf tatsächlich existierende Werte. |