Selbsterfüllende Prophezeiung

In der Psychologie beschreibt die selbsterfüllende Prophezeiung (engl. self-fulfilling prophecy) ein Phänomen, bei dem eine Erwartung über eine Person oder eine Situation dazu führt, dass man sich unbewusst so verhält, dass diese Erwartung schließlich eintritt. Sie zählt zu den kognitiven Verzerrungen (Denkfehler) und ist in der Psychotherapie häufig ein Bestandteil dysfunktionaler Kognitionen.

Es ist der klassische Fall von: „Ich wusste, dass es so kommen würde!“ – wobei man oft übersieht, dass man selbst die Weichen dafür gestellt hat.

Der Prozess in vier Schritten

Der Kreislauf der selbsterfüllenden Prophezeiung lässt sich meist so darstellen:

  1. Falsche Erwartung:
    Person A bildet sich eine Meinung über Person B (z. B. durch „Gedankenlesen“: „Der mag mich nicht“).
  2. Verändertes Verhalten:
    Person A verhält sich aufgrund dieser Annahme defensiv, kühl oder abweisend.
  3. Reaktion:
    Person B reagiert auf das kühle Verhalten von Person A ebenfalls mit Distanz oder Unfreundlichkeit.
  4. Bestätigung:
    Person A sieht sich bestätigt: „Ich wusste doch von Anfang an, dass er mich nicht mag!“

Bekannte Konzepte & Experimente

In der Forschung gibt es zwei sehr bekannte Beispiele für diesen Effekt:

1. Der Pygmalion-Effekt (Rosenthal-Effekt)

In einer berühmten Studie wurde Lehrern erzählt, bestimmte Schüler seien „Spätzünder“ mit enormem Potenzial (obwohl diese zufällig ausgewählt waren).

  • Ergebnis:
    Die Lehrer förderten diese Schüler unbewusst mehr (mehr Lob, längeres Warten auf Antworten).
  • Folge:
    Die Leistungen dieser Schüler verbesserten sich tatsächlich signifikant. Die Erwartung schuf die Realität.

2. Der Golem-Effekt

Das negative Gegenstück: Wenn Vorgesetzte oder Lehrer geringe Erwartungen an eine Person haben, sinkt deren Leistung tatsächlich, weil sie weniger Unterstützung erfahren und ihr Selbstbild leidet.

Verwandtschaft zum „Gedankenlesen“ (Mind-Reading)

Die selbsterfüllende Prophezeiung ist eng verwandt mit anderen kognitiven Verzerrungen, vor allem aber mit dem Gedankenlesen, das oft der Auslöser für die Prophezeiung ist.

  • Gedankenlesen (die kognitive Verzerrung) ist oft der Auslöser.
  • Die selbsterfüllende Prophezeiung ist der Prozess, der daraus folgt.
Begriff Rolle im Kreislauf
Erwartung Der Startschuss (oft eine Verzerrung).
Verhaltenssteuerung Die unbewusste Anpassung der eigenen Handlung.
Feedback-Loop Die Reaktion der Umwelt, die das Vorurteil bestätigt.

Therapeutischer Ansatz: Reframing

Das Reframing (Umdeutung) ist eine der effektivsten Techniken, um den Teufelskreis einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu durchbrechen. Dabei verändert man nicht die Situation selbst, sondern den „Rahmen“ (Frame), durch den man sie betrachtet.

Der 3-Schritte-Check zum Reframing

Stell dir vor, du denkst: „Mein Chef antwortet nicht auf meine E-Mail. Er ist sicher unzufrieden mit meiner Arbeit und wird mich beim nächsten Meeting kritisieren.“

1. Die automatische Prophezeiung identifizieren

Benenne den Denkfehler (z. B. Gedankenlesen + Wahrsagen).

  • Gedanke: „Er ignoriert mich, weil ich schlecht bin.“

2. Die Perspektive wechseln (Der „Anwalt des Teufels“)

Suche nach mindestens drei alternativen Erklärungen, die nichts mit deiner Person zu tun haben:

  1. Er hat zu viele E-Mails und ist gestresst.
  2. Er wartet selbst noch auf Informationen, um mir antworten zu können.
  3. Er hat die Mail gelesen, sie für erledigt befunden und einfach vergessen, kurz „Danke“ zu schreiben.

3. Die Handlung anpassen

Anstatt dich aus Angst zurückzuziehen (was die Prophezeiung wahr machen würde), handelst du auf Basis der neutralsten Alternative.

  • Neue Handlung: Du gehst entspannt ins Meeting. Wenn das Thema aufkommt, fragst du sachlich nach, ob die E-Mail angekommen ist.

Reframing-Vergleich

Situation Alte Sicht (Prophezeiung) Reframing (Neue Sicht)
Kritik erhalten „Ich bin unfähig und werde scheitern.“ „Ich habe wertvolles Feedback erhalten, um mein Projekt zu verbessern.“
Lampenfieber „Ich habe Angst und werde mich blamieren.“ „Mein Körper stellt Energie bereit, damit ich fokussiert bin.“
Abweisung „Niemand mag mich.“ „Diese spezifische Chemie hat heute nicht gepasst; ich spare Zeit für passendere Kontakte.“

Der „So-tun-als-ob“-Trick

Ein radikaler Weg beim Reframing ist das Handeln nach der „Als-ob“-Regel:

Handle versuchsweise so, als wäre die positive Gegenthese wahr (z. B. „Mein Gegenüber ist heute einfach nur schüchtern“ statt „Er ist arrogant“). Du wirst merken, dass dein verändertes Auftreten fast immer eine positivere Reaktion erzwingt – die Prophezeiung dreht sich ins Positive.

Placebo-Effekt

Man kann diesen Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung auch positiv nutzen (Placebo-Effekt der Psychologie). Wenn man mit der Erwartung in ein Gespräch geht, dass das Gegenüber freundlich und kompetent ist, verhält man sich selbst offener – was die Chance massiv erhöht, dass das Gegenüber tatsächlich auch offener reagiert.