Selbstverwirklichung
In der Psychologie beschreibt Selbstverwirklichung den Prozess, das eigene Potenzial voll auszuschöpfen und die immanenten Fähigkeiten, Talente und Möglichkeiten Realität werden zu lassen. Es ist kein statisches Ziel, sondern ein lebenslanger Drang nach Wachstum und Authentizität.
Das Konzept ist eng mit der Humanistischen Psychologie verbunden und gilt als eine der höchsten Stufen der menschlichen Motivation.
Die Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow
Maslow platzierte die Selbstverwirklichung an der Spitze seiner berühmten Hierarchie. Er definierte sie als das Bedürfnis, „alles zu werden, was man zu sein vermag“.
- Wachstumsbedürfnis:
Im Gegensatz zu den Defizitbedürfnissen (Essen, Sicherheit, Bindung), die nachlassen, wenn sie befriedigt sind, wächst das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung weiter, je mehr man es pflegt. - Merkmale selbstverwirklichter Menschen:
Maslow beschrieb sie als realitätsnah, spontan, problemorientiert (statt ego-orientiert) und fähig zu „Gipfelerlebnissen“ (Peak Experiences) – Momenten tiefer Ekstase und Klarheit.
Die „Fully Functioning Person“ (Carl Rogers)
Für Carl Rogers ist Selbstverwirklichung das Ergebnis einer gelungenen Aktualisierungstendenz. Eine „voll funktionierende Person“ zeichnet sich durch folgende Punkte aus:
- Offenheit für Erfahrungen:
Keine Abwehrmechanismen gegenüber der Realität oder den eigenen Gefühlen. - Existenzielle Lebensweise:
Im Hier und Jetzt leben, statt in der Vergangenheit oder Zukunft. - Organismisches Vertrauen:
Der eigenen Intuition und dem eigenen Urteil vertrauen. - Erfahrung von Freiheit:
Das Gefühl, das eigene Handeln selbst bestimmen zu können (Autonomie).
Selbstverwirklichung und Konsistenz (Klaus Grawe)
Aus Sicht der Konsistenztheorie bedeutet Selbstverwirklichung, dass eine Person ihre Ziele und ihr Handeln so gestaltet, dass ihre psychologischen Grundbedürfnisse – insbesondere Autonomie und Selbstwerterhöhung – optimal befriedigt werden.
- Wenn man ein Leben führt, das nicht den eigenen Werten entspricht, entsteht Inkonsistenz, was zu psychischer Belastung führt.
- Selbstverwirklichung ist also der Weg zur maximalen inneren Stimmigkeit (Kongruenz).
Das moderne Missverständnis: Egoismus vs. Potenzial
Oft wird Selbstverwirklichung mit rücksichtslosem Egoismus verwechselt. Psychologisch gesehen ist jedoch das Gegenteil der Fall:
- Transzendenz:
In seinen späteren Jahren ergänzte Maslow die Pyramide um die Stufe der Selbsttranszendenz – den Einsatz für etwas, das außerhalb des eigenen Selbst liegt (z. B. Kunst, Gesellschaft, Umwelt). - Wahre Selbstverwirklichung führt meist zu einer höheren sozialen Resonanz und tieferen Bindungsfähigkeit, da eine in sich ruhende Person weniger Bestätigung von außen „erzwingen“ muss.
Zusammenfassung
Selbstverwirklichung ist das fortwährende Bestreben, das eigene Wesen und die individuellen Begabungen zur Entfaltung zu bringen, um ein authentisches, sinnvolles und stimmiges Leben zu führen.