Soziale Ausgrenzung
In der Psychologie und Soziologie wird soziale Ausgrenzung (auch soziale Exklusion oder Ostrahlismus genannt) als ein Prozess definiert, bei dem Individuen oder Gruppen der Zugang zu Ressourcen, sozialen Beziehungen und gesellschaftlicher Teilhabe verwehrt wird.
Die soziale Ausgrenzung ist eines der am intensivsten untersuchten Themen der Sozialpsychologie, da sie die fundamentale Natur des Menschen als „soziales Wesen“ direkt angreift. Im Folgenden geht es um eine tiefere Analyse der Mechanismen, Phasen und Folgen:
Formen der Ausgrenzung
Soziale Ausgrenzung wird nicht als einzelnes Ereignis, sondern als ein Spektrum von Verhaltensweisen betrachtet. Diese Formen unterscheiden sich in ihrer Sichtbarkeit und ihrer psychologischen Wirkung auf das Individuum.
1. Aktive Ausgrenzung (Ablehnung)
Dies ist die explizite Form der Exklusion. Hier wird dem Betroffenen direkt kommuniziert, dass er nicht erwünscht ist.
- Beispiele:
Explizites Ausladen von Veranstaltungen, Mobbing, verbale Ablehnung oder Kündigung aus einer sozialen Gruppe. - Psychologische Wirkung:
Erzeugt oft Wut und eine starke Reaktion des Schmerzsystems, da die Ablehnung eindeutig identifizierbar ist.
2. Passive Ausgrenzung (Ostrahlismus/Ignorieren)
Diese Form ist oft schmerzhafter als die aktive Ablehnung, da sie subtil und schwerer greifbar ist.
- Beispiele:
Das „Silent Treatment“ (jemanden wie Luft behandeln), das Übergehen in Gesprächen oder das bewusste Nicht-Einbeziehen in informelle Netzwerke (z. B. die Kaffeepause). - Psychologische Wirkung:
Verursacht tiefe Verunsicherung und Rumination, da der Betroffene nach Gründen sucht, die ihm nicht genannt werden.
3. Institutionelle und strukturelle Ausgrenzung
Hier erfolgt die Ausgrenzung nicht durch Einzelpersonen, sondern durch Systeme.
- Beispiele:
Verweigerung des Zugangs zu Bildung, Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt oder bürokratische Hürden, die bestimmte Gruppen von gesellschaftlichen Ressourcen abschneiden. - Psychologische Wirkung:
Führt oft zu einem Gefühl der Machtlosigkeit und einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung.
Das Drei-Stufen-Modell der Reaktion (nach K. Williams)
Die psychologische Reaktion auf Ausgrenzung verläuft meist in drei zeitlich versetzten Phasen:
- Reflexive Phase (Sofortreaktion):
Unmittelbar nach der Ausgrenzung empfindet die Person „sozialen Schmerz“. Dieser Schmerz ist universell – es ist egal, ob man von Freunden, Fremden oder sogar einer verhassten Gruppe (z. B. einer gegnerischen politischen Partei) ausgegrenzt wird. Der Schmerzpegel ist laut Studien fast immer gleich hoch. - Reflektive Phase (Bewertung):
Die Person versucht, die Situation zu interpretieren. Hier greifen Bewältigungsmechanismen. Man fragt sich: „Warum ist das passiert?“ und versucht, die verletzten Bedürfnisse (Zugehörigkeit, Kontrolle etc.) wiederherzustellen. - Resignation (Langzeitfolge):
Wenn die Ausgrenzung chronisch wird (z. B. langanhaltendes Mobbing), erschöpfen die psychischen Ressourcen. Es folgen Gefühle von Wertlosigkeit, Depression, chronischer Erschöpfung und soziale Entfremdung.
Die neurobiologische „Alarmglocke“
Die Forschung zur Social Pain Theory hat gezeigt, dass unser Körper keine zwei verschiedenen Systeme für Schmerz hat.
- Dorsaler anteriorer cingulärer Cortex (dACC):
Dieses Areal fungiert als „Konfliktmonitor“. Es registriert die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Realität der Ausgrenzung. - Rechte ventrolaterale präfrontale Cortex (rvlPFC):
Dieses Areal ist für die Emotionsregulation zuständig. Menschen, bei denen dieser Bereich aktiver ist, können den Schmerz der Ausgrenzung schneller „herunterregulieren“.
Verhaltensreaktionen: Prosozial vs. Antisozial
Ob eine Person auf Ausgrenzung mit „Anbiederung“ oder „Angriff“ reagiert, hängt davon ab, welches Bedürfnis am stärksten verletzt wurde:
- Suche nach Wiederanschluss (Prosozial):
Wenn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit im Vordergrund steht, zeigen Menschen gesteigertes soziales Interesse. Sie passen sich stärker an, ahmen die Körpersprache anderer unbewusst nach (Mimikry) und arbeiten härter in Gruppenaufgaben. - Aggression und Abwehr (Antisozial):
Wenn das Bedürfnis nach Kontrolle oder Sinnhaftigkeit bedroht ist, reagieren Menschen oft aggressiv. Ausgrenzung ist einer der stärksten Prädiktoren für aggressives Verhalten, da Wut ein (kurzfristiges) Gefühl von Macht und Kontrolle zurückgibt.
Psychologische Paradoxa der Ausgrenzung
- Die „Kälte“-Wahrnehmung:
Ausgegrenzte Personen nehmen die Umgebungstemperatur physisch kälter wahr als sie ist. In Experimenten schätzten ausgegrenzte Probanden die Raumtemperatur niedriger ein und griffen eher zu warmen Getränken. - Erschwerte Kognition:
Soziale Ausgrenzung senkt kurzfristig die Leistung des Arbeitsgedächtnisses und die Fähigkeit zur Selbstregulation (man greift eher zu ungesundem Essen oder gibt schneller bei schwierigen Aufgaben auf).
Zusammenfassung
Soziale Ausgrenzung ist ein tiefgreifender Stressor, der die psychische Integrität bedroht. Sie wird neurobiologisch analog zu physischem Schmerz verarbeitet (Social Pain). Kurzfristig führt sie zu gesteigerten Bemühungen um soziale Reintegration oder – bei starkem Kontrollverlust – zu aggressivem Verhalten. Chronische Ausgrenzung führt zur Resignation und massiven Beeinträchtigung des Selbstwerts sowie der kognitiven Leistungsfähigkeit.