Spaltung

In der Psychologie ist die Spaltung (engl. splitting) einer der grundlegendsten und zugleich psychoanalytisch „unreifsten“ Abwehrmechanismen. Sie beschreibt die Unfähigkeit, gegensätzliche Qualitäten (wie „gut“ und „böse“) in einer Person oder Situation gleichzeitig wahrzunehmen.

Dieses Thema Spaltung ist eng mit dem Thema dichotomes Denken (Schwarz-Weiß-Denken) verwandt, das sich aber stärker auf die logische Verarbeitung und Bewertung konzentriert, während Spaltung den Abwehrmechanismus bezeichnet und im Rahmen der Borderline-Störung verwendet wird.

Was passiert bei der Spaltung?

Normalerweise lernen wir im Laufe der Entwicklung, dass Menschen komplex sind: Ein Freund kann loyal sein, uns aber trotzdem einmal enttäuschen. Bei der Spaltung gelingt diese Integration nicht. Die Welt wird in zwei strikt getrennte Bereiche aufgeteilt:

  • Das idealisierte Objekt:
    Absolut gut, nährend, perfekt, fehlerfrei.
  • Das entwertete Objekt:
    Absolut böse, gefährlich, zerstörerisch, wertlos.

Ursprung in der Kindheit

Die Objektbeziehungstheorie (z. B. nach Melanie Klein) erklärt, dass Säuglinge die Welt zwangsläufig spalten. Ein Baby kann nicht verstehen, dass die Mutter, die es füttert („gute Mutter“), dieselbe ist, die es schreien lässt („böse Mutter“).

  • Integration:
    In einer gesunden Entwicklung lernt das Kind etwa um das zweite Lebensjahr herum, diese Bilder zu vereinen. Es erkennt: „Mama ist manchmal anstrengend, aber ich liebe sie trotzdem.“
  • Fixierung:
    Wenn dieser Schritt ausbleibt (oft durch Traumata oder instabile Bindungen), bleibt die Spaltung als dominanter Abwehrmechanismus im Erwachsenenalter bestehen.

Spaltung bei Persönlichkeitsstörungen

Besonders prominent ist die Spaltung bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Hier führt sie zu extremen Beziehungsschwankungen:

  • Ein Partner wird heute als „Seelenverwandter“ verehrt (Idealisierung).
  • Nach einem kleinen Streit wird er morgen als „Verräter“ oder „Gefühlsmonster“ gesehen (Entwertung).Es gibt kein „Dazwischen“, was die Stabilität von Beziehungen massiv erschwert.

Spaltung in Gruppen und Gesellschaft

Spaltung tritt nicht nur bei Individuen auf, sondern ist ein zentrales Element der Massenpsychologie und des Autoritarismus:

  1. Sündenbock-Mechanismus:
    Die eigene Gruppe (Ingroup) wird als moralisch überlegen gespalten, während alles Negative auf eine fremde Gruppe (Outgroup) projiziert wird.
  2. Politischer Populismus:
    Hier wird das „reine Volk“ gegen die „korrupten Eliten“ ausgespielt. Es findet keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr statt, da die Gegenseite bereits als „böse“ markiert ist.

Der Weg zur Ganzheit

Das Ziel in der Psychotherapie ist die Überwindung der Spaltung durch den Aufbau von Ambiguitätstoleranz. Das bedeutet:

  • Widersprüche aushalten können.
  • Erkennen, dass man selbst sowohl gute als auch schwierige Seiten hat (Integration des Schattens (C. G. Jung)).
  • Akzeptieren, dass die Realität meist grau ist, nicht schwarz oder weiß.
Zustand Wahrnehmung Emotionale Folge
Gespalten Entweder/Oder, Extrempositionen Intensive Wut oder Euphorie, Instabilität
Integriert Sowohl-als-auch, Nuancen Gelassenheit, stabile Beziehungen, Mitgefühl