Stereotype

In der Psychologie bilden Stereotype die kognitive Basis für unser Verständnis von sozialen Gruppen. Während Vorurteile die emotionale Bewertung darstellen, sind Stereotype die Wissensstrukturen oder Überzeugungen, die wir im Kopf gespeichert haben.

Hier die Perspektive der Kognitions– und Sozialpsycholgie:

Definition und Abgrenzung

Ein Stereotyp ist eine verallgemeinerte Überzeugung über die Eigenschaften, Merkmale oder Verhaltensweisen einer Gruppe von Menschen.

  • Kognitiv:
    Es ist ein Schema, das Informationen filtert und organisiert.
  • Generalisierend:
    Individuelle Unterschiede innerhalb der Gruppe werden ignoriert.

Der Unterschied zu Vorurteilen und Diskriminierung lässt sich im ABC-Modell der Einstellungen verdeutlichen:

  1. Cognition (Stereotyp): „Ingenieure sind humorlos.“
  2. Affect (Vorurteil): „Ich mag keine Ingenieure.“
  3. Behavior (Diskriminierung): „Ich stelle keinen Ingenieur für mein Team ein.“

Warum bildet unser Gehirn Stereotype?

Stereotype sind nicht zwangsläufig das Ergebnis von Böswilligkeit, sondern oft ein Nebenprodukt unserer kognitiven Architektur:

  • Kategorisierung:
    Unser Gehirn muss die Informationsflut der Umwelt reduzieren. Indem wir Menschen in Gruppen einteilen, sparen wir mentale Energie (Kognitive Ökonomie).
  • Orientierung:
    Stereotype ermöglichen es uns, in neuen Situationen schnell Erwartungen zu bilden und Handlungsentscheidungen zu treffen.
  • Soziale Identität:
    Sie helfen uns, die Grenzen zwischen der eigenen Gruppe (Ingroup) und anderen Gruppen (Outgroup) zu definieren.

Psychologische Mechanismen der Aufrechterhaltung

Stereotype sind extrem stabil und veränderungsresistent. Dies liegt an mehreren psychologischen Effekten:

Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Wir nehmen Informationen, die unser Stereotyp bestätigen, bevorzugt wahr und erinnern uns besser an sie. Informationen, die dem Stereotyp widersprechen, werden oft als „Ausnahme“ abgetan oder schlichtweg übersehen.

Die Illusorische Korrelation

Menschen neigen dazu, einen Zusammenhang zwischen zwei auffälligen Ereignissen zu sehen, auch wenn dieser statistisch nicht existiert. Wenn ein Mitglied einer Minderheit (auffällig) eine seltene Tat begeht (auffällig), wird dies im Gedächtnis verknüpft und auf die gesamte Gruppe übertragen.

Die Selbsterfüllende Prophezeiung

Unsere Erwartungen an eine Person führen dazu, dass wir uns ihr gegenüber so verhalten, dass sie schließlich die erwartete Reaktion zeigt, was unser Stereotyp wiederum bestätigt.

Beispiel: Wenn ich unfreund zu jemandem bin, den ich aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit nicht mag, wird derjenige mir gegenüber auch eher unfreundlich reagieren. Das bestätigt meine Annahme, dass Menschen dieser Gruppe generell unfreundlich sind.

Das Stereotype Content Model (SCM)

Das Stereotype Content Model (SCM) der US-amerikanischen Sozialpsychologin Susan Fiske ist ein führendes Modell der modernen Sozialpsychologie, das besagt, dass fast alle Stereotype auf zwei Dimensionen basieren:

  1. Wärme (Warmth):
    Ist die Gruppe freundlich, vertrauenswürdig und hat sie gute Absichten?
  2. Kompetenz (Competence):
    Ist die Gruppe fähig, ihre Ziele durchzusetzen?

Daraus ergeben sich vier Typen von Stereotypen:

  • Bewunderung:
    Hohe Wärme, hohe Kompetenz (oft die eigene Gruppe).
  • Mitleid:
    Hohe Wärme, geringe Kompetenz (z. B. ältere Menschen).
  • Neid:
    Geringe Wärme, hohe Kompetenz (z. B. „die Reichen“).
  • Verachtung:
    Geringe Wärme, geringe Kompetenz (z. B. Obdachlose).

Auswirkungen: Der Stereotype Threat

Ein kritischer Aspekt für die betroffenen Personen ist die Bedrohung durch Stereotype (Stereotype Threat). Wenn eine Person befürchtet, ein negatives Stereotyp über ihre Gruppe zu bestätigen, erzeugt dies einen psychischen Druck, der die tatsächliche Leistung messbar reduziert.

Beispiel: Frauen erzielen schlechtere Ergebnisse in Mathematiktests, wenn sie unmittelbar vor dem Test an das Stereotyp erinnert werden, dass Männer besser in Mathe seien.

Fazit

Stereotype sind mächtige kognitive Werkzeuge, die uns helfen, die Welt zu ordnen, aber sie führen zwangsläufig zur Verzerrung der Realität und zur Ungerechtigkeit. In der Therapie oder im Coaching ist die Bewusstmachung dieser automatisierten Denkprozesse der erste Schritt zur Veränderung.