Symbolischer Interaktionismus
Der Symbolische Interaktionismus (engl. symbolic interactionism) ist ein einflussreiches theoretisches Rahmenkonzept, das an der Schnittstelle von Soziologie und Sozialpsychologie angesiedelt ist. Im Kern untersucht er, wie Menschen durch soziale Interaktionen und die Verwendung von Symbolen (insbesondere Sprache) eine gemeinsame soziale Realität erschaffen.
Die drei Grundprämissen (nach Herbert Blumer)
Herbert Blumer, der den Begriff prägte, formulierte drei wesentliche Thesen:
- Bedeutung:
Menschen handeln Dingen gegenüber auf der Grundlage der Bedeutungen, die diese Dinge für sie haben. - Ursprung:
Diese Bedeutungen entstehen aus der sozialen Interaktion, die man mit seinen Mitmenschen eingeht. - Interpretation:
Bedeutungen werden in einem interpretativen Prozess verändert und gehandhabt, den die Person in der Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen nutzt.
Das Modell der Identitätsbildung (George Herbert Mead)
Einer der wichtigsten Vorläufer, George Herbert Mead, untersuchte, wie das „Selbst“ (Self) überhaupt entsteht. Er teilte das Ich in zwei Komponenten auf:
- Das „I“ (Subjektives Ich):
Der spontane, triebhafte und kreative Teil. Es reagiert unmittelbar auf Situationen. - Das „Me“ (Objektives Ich):
Das Bild, das andere von mir haben. Es repräsentiert die internalisierten Erwartungen der Gesellschaft (der „generalisierte Andere“). - Das „Self“ (Identität):
Das Ergebnis des ständigen inneren Dialogs zwischen dem „I“ und dem „Me“.
Die Bedeutung von Symbolen
Interaktion ist laut dieser Theorie fast immer symbolisch vermittelt. Ein Symbol (ein Wort, eine Geste, ein Gegenstand) ist ein Reiz, der bei verschiedenen Personen die gleiche Vorstellung oder Reaktionsbereitschaft auslöst. Ohne diese geteilten Symbole wäre eine koordinierte soziale Ordnung nicht möglich.
Die „Definition der Situation“
Ein berühmter Lehrsatz in diesem Kontext ist das Thomas-Theorem:
„Wenn die Menschen Situationen als real definieren, dann sind sie in ihren Konsequenzen real.“
Das bedeutet: Es ist weniger wichtig, wie eine Situation „objektiv“ aussieht. Entscheidend für das menschliche Handeln ist, wie die Beteiligten die Situation interpretieren.
Anwendung in der Psychologie
In der Psychologie hilft dieser Ansatz zu verstehen, wie Selbstbilder entstehen und wie psychische Störungen oft im Kontext von Etikettierung (Labeling) und gestörter Kommunikation gesehen werden können. Er betont die aktive Rolle des Individuums bei der Gestaltung seiner Welt, statt es nur als Produkt biologischer Triebe oder äußerer Reize zu sehen.
Zusammenfassung
Der Symbolische Interaktionismus beschreibt die soziale Realität als ein Produkt fortlaufender Interpretationsprozesse, bei denen Menschen Dingen und Handlungen durch Interaktion subjektive Bedeutungen zuschreiben. Die individuelle Identität entsteht dabei in einem ständigen inneren Dialog zwischen spontanen Impulsen und den internalisierten Erwartungen der Gesellschaft.