Tic-Störungen

In der klinischen Psychologie werden Tic-Störungen als neuropsychologische Erkrankungen definiert, die durch plötzliche, schnelle, wiederkehrende, nicht-rhythmische motorische Bewegungen oder Lautäußerungen gekennzeichnet sind. Sie beginnen typischerweise im Kindes- oder Jugendalter und folgen einer charakteristischen Verlaufsdynamik.

Klassifikation und Formen

Die Psychologie und die Psychiatrie (nach ICD-10/11) unterscheiden drei Hauptformen:

  • Vorübergehende Tic-Störung:
    Motorische und/oder vokale Tics bestehen länger als vier Wochen, aber weniger als 12 Monate.
  • Chronische motorische oder vokale Tic-Störung:
    Tics bestehen länger als ein Jahr, wobei entweder nur motorische oder nur vokale Tics auftreten.
  • Tourette-Syndrom:
    Die schwerste Form, bei der über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr sowohl multiple motorische als auch mindestens ein vokaler Tic auftreten (nicht notwendigerweise gleichzeitig).

Unterscheidung nach Komplexität

  1. Einfache Tics:
    Kurze Bewegungen (Blinzeln, Schulterzucken) oder Geräusche (Räuspern, Schnüffeln).
  2. Komplexe Tics:
    Zusammengesetzte Bewegungen (Hüpfen, Berühren von Gegenständen) oder ganze Wörter/Sätze (z. B. Echolalie – Wiederholen von Gehörtem; Koprolalie – Ausstoßen von Tabuwörtern, was jedoch nur bei ca. 10–20 % der Tourette-Patienten vorkommt).

Die Psychologie des „Vorgefühls“ (Premonitory Urge)

Ein entscheidendes Merkmal für das Verständnis von Tics ist das Vorgefühl. Betroffene beschreiben oft eine steigende körperliche Missempfindung (Kitzeln, Druck, Spannung) vor dem Tic.

  • Der Tic wird als Reaktion auf diesen Drang ausgeführt, um die Spannung kurzfristig abzubauen.
  • Dies macht deutlich, dass Tics nicht völlig „unwillkürlich“ (wie ein Reflex), sondern eher „unabweisbar“ sind – sie können oft kurzzeitig unterdrückt werden, was jedoch die innere Spannung erhöht.

Ursachen und Einflussfaktoren

Die Psychologie verfolgt heute ein biopsychosoziales Modell:

  • Neurobiologie:
    Es liegt eine Fehlfunktion in den Regelkreisen zwischen den Basalganglien (zuständig für die Bewegungssteuerung) und dem Frontalhirn vor. Dabei spielt der Botenstoff Dopamin eine zentrale Rolle (Überaktivität).
  • Genetik:
    Tic-Störungen treten familiär gehäuft auf.
  • Psychosoziale Trigger:
    Stress, Angst, aber auch positive Aufregung (Eustress) oder Müdigkeit verstärken die Tic-Frequenz massiv. Tics sind jedoch keine primär psychogene Störung, auch wenn sie psychisch beeinflusst werden.

Komorbidität (Begleiterkrankungen)

In der psychologischen Praxis treten Tics selten allein auf. Über 80 % der Betroffenen haben zusätzliche Diagnosen:

Therapeutische Ansätze

Da Tics oft im jungen Erwachsenenalter von selbst schwächer werden („Waning“), ist eine Therapie nur bei hohem Leidensdruck indiziert.

  • Habit Reversal Training (HRT):
    Wie bei der Onychophagie lernt der Patient, das Vorgefühl wahrzunehmen und eine Gegenbewegung (Competing Response) auszuführen.
  • Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT):
    Ein erweitertes Programm, das Funktionsanalysen (Was verstärkt den Tic in meinem Alltag?) und Entspannungstechniken einschließt.
  • Pharmakotherapie:
    Einsatz von Neuroleptika zur Regulation des Dopaminhaushalts bei sehr schweren Verläufen.

Zusammenfassung

Tic-Störungen sind neuropsychologische Störungen der Impulskontrolle, bei denen motorische oder vokale Entladungen als Reaktion auf ein unerträgliches körperliches Vorgefühl dienen und stark durch emotionale Belastung beeinflusst werden.