Traumafolgestörungen
Traumafolgestörungen sind psychische Krankheitsbilder, die als direkte Reaktion auf ein oder mehrere traumatische Erlebnisse entstehen. Ein Trauma wird dabei als ein Ereignis von katastrophalem Ausmaß definiert (z. B. schwere Unfälle, Gewalterfahrungen, Naturkatastrophen oder Krieg), das die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen völlig überfordert.
In der Psychologie versteht man diese Störungen nicht als „Schwäche“, sondern als eine biologische und psychische Anpassungsleistung des Organismus an eine unerträgliche Situation.
Hier sind die wichtigsten Formen und Mechanismen:
Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Dies ist die bekannteste Form. Sie ist durch drei Hauptsymptomgruppen gekennzeichnet:
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Intrusionen (Wiedererleben):
Betroffene werden von ungewollten Erinnerungen, Flashbacks oder Albträumen überflutet. Es fühlt sich an, als würde das Trauma im Hier und Jetzt erneut passieren. -
Vermeidungsverhalten:
Orte, Personen oder Gedanken, die an das Trauma erinnern könnten, werden strikt gemieden. Dies schränkt den Lebensradius oft massiv ein. -
Hyperarousal (Übererregung):
Das Nervensystem ist im Dauerstress. Dies äußert sich durch Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit.
Komplexe PTBS (K-PTBS)
Dieser Begriff wurde in die neue Diagnoseklassifikation (ICD-11) aufgenommen. Er beschreibt Folgen von langanhaltenden oder wiederholten Traumatisierungen (z. B. jahrelanger Missbrauch oder Gefangenschaft), aus denen eine Flucht nicht möglich war.
Zusätzlich zur klassischen PTBS treten hier auf:
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Schwere Störungen der Emotionsregulation (z. B. plötzliche Wut oder emotionale Taubheit).
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Ein negatives Selbstbild (Gefühle von Wertlosigkeit, Scham und Schuld).
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Anhaltende Schwierigkeiten in Beziehungen (Misstrauen, Nähe-Distanz-Probleme).
Dissoziative Störungen
Bei extremen Traumata spaltet das Gehirn Informationen ab, um das Überleben zu sichern.
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Dissoziation:
Ein Gefühl von „neben sich stehen“ oder Taubheit. -
Depersonalisierung/Derealisation:
Die Umwelt oder der eigene Körper wirken fremd oder unwirklich. -
Dissoziative Amnesie:
Wichtige Teile des traumatischen Ereignisses können nicht erinnert werden.
Was passiert im Gehirn?
Bei einer Traumafolgestörung ist die Kommunikation zwischen den Hirnarealen gestört:
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Amygdala (Alarmzentrum):
Sie ist hyperaktiv und feuert bei kleinsten Reizen (Triggern) „Alarm“, als bestünde Lebensgefahr. -
Hippocampus (Archiv):
Er wird durch das Stresshormon Cortisol gehemmt. Dadurch kann das Trauma nicht als „vergangen“ abgespeichert werden; es bleibt eine „offene Wunde“. -
Präfrontaler Cortex (Kontrollzentrum):
Er schafft es nicht mehr, die Amygdala zu beruhigen. Die Logik setzt in Stressmomenten aus.
Die Perspektive der Trauma-Informiertheit
Ein wichtiger und positiver Trend in der heutigen Psychologie ist es, Symptome nicht nur als „Störung“ zu sehen, sondern zu fragen: „Was ist dir passiert?“ statt „Was stimmt nicht mit dir?“. Viele Verhaltensweisen, die heute problematisch sind (z. B. Sucht, Aggression oder Rückzug), waren zum Zeitpunkt des Traumas überlebenswichtige Schutzstrategien.