Unterwürfigkeit
In der Psychologie bezeichnet Unterwürfigkeit (engl. submissiveness) ein Verhaltensmuster, das durch die freiwillige oder erzwungene Unterordnung unter den Willen, die Autorität oder die Dominanz einer anderen Person oder Gruppe gekennzeichnet ist.
Wie Dominanz ist auch Unterwürfigkeit kein per se pathologisches Merkmal, sondern ein komplexes soziales Verhalten mit verschiedenen Facetten:
Evolutionspsychologische Perspektive
Aus evolutionärer Sicht ist Unterwürfigkeit ein Anpassungsmechanismus zur Konfliktvermeidung.
- Ressourcensicherung:
In einer Dominanzhierarchie ist es für physisch schwächere Individuen oft vorteilhafter, sich zu unterwerfen und den Status quo zu akzeptieren, als einen Kampf zu riskieren, den sie verlieren würden. Dies sichert das Überleben und den Zugang zu Ressourcen durch den dominanten Partner. - Kooperation:
Sie ermöglicht das Funktionieren von Gruppen, indem sie klare Strukturen schafft.
Soziale und Persönlichkeitspsychologie
Unterwürfigkeit zeigt sich in konkreten Verhaltensweisen und Einstellungen:
- Verhalten:
Vermeidung von Konflikten, Schwierigkeiten, „Nein“ zu sagen, übermäßige Anpassung, das Bedürfnis zu gefallen (People Pleasing), häufiges Entschuldigen, geringer Blickkontakt, leise Stimme. - Persönlichkeit:
Im Fünf-Faktoren-Modell (Big Five) ist Unterwürfigkeit oft mit einer niedrigen Ausprägung von Extraversion (insbesondere Durchsetzungsfähigkeit) und einer hohen Ausprägung von Verträglichkeit korreliert.
Psychodynamische Hintergründe und dysfunktionale Formen
Wenn Unterwürfigkeit extrem ausgeprägt ist oder zur dauerhaften Lebenshaltung wird, liegt sie oft in psychischen Strukturen begründet:
- Angst und Unsicherheit:
Sie entsteht oft aus der Angst vor Ablehnung, Strafe oder dem Verlust von Verbundenheit. Man ordnet sich unter, um sicher zu sein. - Geringes Selbstwertgefühl:
Das Individuum hält sich selbst für weniger wertvoll oder kompetent als andere und zieht daraus die Schlussfolgerung, sich unterordnen zu müssen. - Abwehrmechanismus:
Unterwürfigkeit kann genutzt werden, um Aggressionen des anderen zu besänftigen oder Verantwortung abzugeben.
Zusammenhang mit psychischen Störungen:
- Abhängige Persönlichkeitsstörung:
Dies ist die stärkste Form dysfunktionaler Unterwürfigkeit. Betroffene haben ein extremes Bedürfnis, umsorgt zu werden, was zu unterwürfigem Verhalten und der Unfähigkeit führt, eigene Entscheidungen zu treffen. - Soziale Phobie:
Aus Angst vor negativer Bewertung verhalten sich Betroffene unterwürfig, um nicht aufzufallen oder kritisiert zu werden.
Unterwürfigkeit vs. Kooperation und Anpassung
Es ist wichtig, Unterwürfigkeit von gesunder Anpassung zu unterscheiden:
| Merkmal | Gesunde Anpassung / Kooperation | Dysfunktionale Unterwürfigkeit |
| Motivation | Zielerreichung, Respekt, Teamfähigkeit. | Angst, Bedürfnis nach Sicherheit, geringes Selbstwertgefühl. |
| Identität | Eigene Meinung bleibt trotz Anpassung erhalten. | Eigene Bedürfnisse und Meinungen werden aufgegeben. |
| Verbundenheit | Fördert echte Beziehungen. | Basiert auf Ungleichgewicht und Abhängigkeit. |
Zusammenfassung
Unterwürfigkeit ist ein komplexes Verhalten, das im sozialen Kontext funktional sein kann, aber in dysfunktionaler Form zu Entfremdung von sich selbst und Zerstörung der Verbundenheit führen kann.