Verhaltensanalyse

Die Verhaltensanalyse ist ein zentrales methodisches Vorgehen in der Psychologie, insbesondere in der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) und im Behaviorismus. Ihr Hauptziel ist es, ein problematisches Verhalten (z.B. eine Angst- oder Zwangshandlung, depressive Inaktivität) genau zu beschreiben, seine Ursachen und vor allem seine aufrechterhaltenden Bedingungen (Funktion) zu klären.

Zweck und Anwendung

Die Verhaltensanalyse dient als Grundlage für die Therapieplanung und umfasst typischerweise folgende Schritte:

  1. Deskriptive Analyse:
    Genaue Beschreibung des problematischen Verhaltens (was, wann, wie oft, wie lange?).
  2. Funktionale Analyse:
    Untersuchung der Bedingungen, unter denen das Verhalten auftritt und welche Konsequenzen es hat. Dies beantwortet die Frage: „Warum wird dieses Verhalten gezeigt?“
  3. Ableitung von Interventionszielen:
    Basierend auf der Analyse werden Ansatzpunkte für die therapeutische Veränderung identifiziert.

Das SORKC-Modell

Das gebräuchlichste und bekannteste Schema für die funktionale Verhaltensanalyse in der KVT ist das SORKC-Modell nach Frederick Kanfer, das alle relevanten Einflussfaktoren auf ein Verhalten systematisch erfasst:

Buchstabe Bedeutung Erklärung
S Stimulus Der äußere oder innere Reiz (z. B. eine rote Ampel, eine kritische Bemerkung des Chefs).
O Organismus Die biologischen und psychologischen Voraussetzungen der Person (z. B. Genetik, Erfahrungen, aktuelle Stimmung, körperliche Verfassung).
R Reaktion Das eigentliche Verhalten auf den Ebenen: motorisch (Tun), emotional (Fühlen), kognitiv (Denken) und physiologisch (Körperreaktion).
K Kontingenz Die Regelmäßigkeit, mit der die Konsequenz auf das Verhalten folgt (Passiert es jedes Mal oder nur manchmal?).
C Consequence Was folgt auf das Verhalten? (Belohnung, Bestrafung, Wegfall von Unangenehmem).

Durch das SORKC-Modell wird beispielsweise deutlich, dass ein Vermeidungsverhalten (R) nicht wegen des ursprünglichen Reizes (S), sondern wegen der negativen Verstärkung durch die Regelmäßigkeit der Konsequenz (K) und die kurzfristige Angstreduktion (C) aufrechterhalten wird. Dies ermöglicht eine gezielte Intervention wie die Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERP), die auf die Veränderung der Konsequenzen (C) abzielt.

Ein praktisches Beispiel: Prüfungsangst

Stellen wir uns jemanden vor, der das Lernen für eine Prüfung hinauszögert (Prokrastination):

  1. Stimulus (S):
    Der Anblick des dicken Lehrbuchs auf dem Schreibtisch.
  2. Organismus (O):
    Die Person hat ein geringes Selbstwertgefühl und neigt zu Perfektionismus.
  3. Reaktion (R)
    • Kognitiv: „Das schaffe ich eh nicht.“
    • Emotional: Angst, Stress.
    • Motorisch: Die Person geht stattdessen in die Küche und putzt die Fenster.
  4. Kontingenz (K):
    Jedes Mal, wenn die Person das Buch weglegt, spürt sie sofortige Erleichterung.
  5. Konsequenz (C): 
    • Kurzfristig: Die Angst verschwindet (Negative Verstärkung).
    • Langfristig: Der Stoff wird nicht gelernt, die Angst vor der Prüfung wächst.

Wenn man durch die Verhaltensanalyse mit dem SORKC-Modell weiß, dass ein Verhalten durch kurzfristige Erleichterung (C) verstärkt wird, kann man in der Therapie oder im Coaching gezielt an der Reaktion (R) oder der Bewertung im Organismus (O) arbeiten.