Vigilanz
In der Psychologie ist Vigilanz (Wachsamkeit, engl. Vigilance) die Fähigkeit, über längere Zeit die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, um auf seltene, unvorhersehbare Signale zu reagieren.
Abgrenzung: Wann sprechen wir von Vigilanz?
Oft werden Aufmerksamkeit und Vigilanz verwechselt. Die Psychologie unterscheidet hier präzise nach der Reizdichte:
- Selektive Aufmerksamkeit:
Fokus auf einen Reiz bei gleichzeitigem Ausblenden von Störreizen (z. B. ein Gespräch auf einer Party). - Daueraufmerksamkeit:
Lange Konzentration bei hoher Reizdichte (z. B. ein Videospiel). - Vigilanz:
Lange Konzentration bei sehr niedriger Reizdichte (z. B. ein Radarbeobachter, der stundenlang auf einen leeren Schirm starrt).
Das Vigilanz-Problem
Das menschliche Gehirn ist evolutionär nicht für Vigilanz gemacht. Wir sind darauf programmiert, auf Veränderungen zu reagieren, nicht auf deren Ausbleiben.
- Der Abfall:
Bereits nach 20 bis 30 Minuten sinkt die Entdeckungsrate für Signale drastisch. - Habituation:
Das Gehirn gewöhnt sich an die Monotonie und stuft die Situation als „sicher“ ein. Die neuronale Feuerungsrate im Hirnstamm (Formatio reticularis) nimmt ab.
Die Verbindung zu Stress und Reizüberflutung
Vigilanz spielt eine Schlüsselrolle dabei, wie wir mit Belastung umgehen. Hier gibt es zwei extreme Zustände:
Hypervigilanz (Überwachsamkeit)
Dies ist ein Kernsymptom bei Angststörungen oder nach Traumata. Das System ist auf „Daueralarm“ geschaltet.
- Folge:
Man scannt die Umgebung permanent nach Bedrohungen. Da das Gehirn hierbei keine Reize mehr als „irrelevant“ filtert, führt Hypervigilanz fast zwangsläufig zur Reizüberflutung. - Biologie:
Ein chronisch erhöhter Noradrenalin-Spiegel hält den Körper im Kampf-oder-Flucht-Modus.
Vigilanzminderung
Das Gegenteil tritt bei Depressionen, Burnout (nach der Dauerstress-Adaption) oder Schlafmangel auf.
- Folge:
Signale werden übersehen, die Reaktionszeit ist massiv verlängert. In der Psychologie spricht man auch von einem herabgesetzten Arousal (Erregungsniveau).
Das ARAS-System
Physiologisch wird die Vigilanz vor allem durch das Aufsteigende Retikuläre Aktivierungssystem (ARAS) im Hirnstamm reguliert. Es fungiert als „Dimmer“ für unser Bewusstsein.
- Ist das ARAS aktiv, sind wir hellwach.
- Ist es gedrosselt, sinkt die Vigilanz, was bis zum Sekundenschlaf führen kann.