Wahrsagen (kognitive Verzerrung)
Das „Wahrsagen“ (englisch: fortune telling) ist eine klassische kognitive Verzerrung (Denkfehler), bei dem eine Person fest davon überzeugt ist, zukünftige Ereignisse negativ vorhersehen zu können, ohne dass es dafür ausreichende Beweise gibt.
In der Psychologie, insbesondere in der Kognitiven Verhaltenstherapie, wird dies als eine Form der Realitätsverzerrung betrachtet.
Kernmerkmale des „Wahrsagens“
Beim Wahrsagen überspringst man die Logik und landet direkt bei einem meist düsteren Urteil über die Zukunft. Es unterscheidet sich von einer normalen Vorhersage durch folgende Punkte:
- Fehlende Evidenz:
Es gibt keine harten Fakten, die das negative Ergebnis stützen. - Fokussierung auf das Schlimmste:
Es wird fast immer der „Worst Case“ als sicher angenommen (Katastrophisieren). - Selbsterfüllende Prophezeiung:
Da man vom Scheitern ausgeht, verhält man sich oft unbewusst so, dass das negative Ereignis tatsächlich eintritt.
Typische Beispiele
| Situation | Wahrsagen-Gedanke | Die Realität |
| Prüfung | „Ich werde sowieso durchfallen, egal wie viel ich lerne.“ | Das Ergebnis hängt von Vorbereitung und Tagesform ab. |
| Soziale Interaktion | „Wenn ich sie frage, wird sie mich sicher auslachen.“ | Die Reaktion ist völlig offen und meist freundlicher als gedacht. |
| Job | „Die Präsentation wird ein Desaster und ich werde gefeuert.“ | Fehler führen selten zur sofortigen Kündigung; Vorbereitung hilft. |
Warum machen wir das?
Unser Gehirn liebt Vorhersehbarkeit. Ungewissheit wird oft als bedrohlicher empfunden als ein negatives, aber „sicheres“ Ergebnis. Indem wir das Schlimmste „vorhersagen“, versuchen wir uns emotional zu schützen – wir wollen nicht überrascht werden. Paradoxerweise führt das aber zu Dauerstress und Angst.
Konsequenzen des „Wahrsagens“
Wenn das „Wahrsagen“ zur Gewohnheit wird, bleibt es nicht bei bloßen Gedanken. Es hat handfeste Auswirkungen auf die Gefühle, das Verhalten und letztlich auf die Lebensqualität. In der Psychologie spricht man hier oft von einem Teufelskreis.
1. Emotionale Belastung
Die ständige Erwartung von Katastrophen versetzt den Körper in Alarmbereitschaft.
- Dauerhafte Angst (Generalisierte Angststörung):
Da die Zukunft im Kopf bereits negativ besetzt ist, lebt man in permanenter Sorge. - Niedergeschlagenheit:
Wenn „sowieso alles schiefgeht“, sinkt die Stimmung. Das kann langfristig zu depressiven Episoden führen. - Stress:
Das vegetative Nervensystem reagiert auf die vorgestellten Szenarien so, als fänden sie gerade wirklich statt (Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin).
2. Die Selbsterfüllende Prophezeiung
Der Glaube an das Scheitern verändert das Handeln so, dass das Scheitern wahrscheinlicher wird. Dies ist die gefährlichste Konsequenz.
Beispiel:
Man glaubt, dass ein Vorstellungsgespräch ein Desaster wird. Vor lauter Angst lernt man weniger (bringt ja eh nichts) und trittt beim Termin extrem unsicher auf. Das Ergebnis: Man bekommt den Job nicht – und fühlt sich in der „Vorhersage“ bestätigt.
3. Vermeidungsverhalten
Um die vorhergesagten negativen Gefühle zu umgehen, fängt man an, Situationen komplett zu meiden.
- Soziale Isolation:
Man geht nicht auf Partys, weil man „weiß“, dass einen niemand mögen wird. - Stillstand im Job:
Man bewirbt sich nicht auf Beförderungen, weil man „weiß“, dass man abgelehnt wird. - Verlust von Chancen:
Viele positive Möglichkeiten werden gar nicht erst wahrgenommen, weil der Fokus nur auf dem Risiko liegt.
4. Beeinträchtigung der kognitiven Flexibilität
Das Gehirn verlernt, offen für verschiedene Ausgänge zu sein. Man entwickelt einen „Tunnelblick“.
- Informationen, die gegen die Vorhersage sprechen, werden ausgeblendet (Bestätigungsfehler).
- Die Fähigkeit, Probleme kreativ zu lösen, sinkt, da man innerlich bereits aufgegeben hat.
Zusammenfassung der Auswirkungen
| Bereich | Konsequenz |
| Körper | Schlafstörungen, Verspannungen, psychosomatische Beschwerden. |
| Soziales | Rückzug, Misstrauen gegenüber positiven Rückmeldungen. |
| Selbstbild | Sinkendes Selbstwertgefühl („Ich krieg’s eh nicht hin“). |
Strategien gegen den Denkfehler
Die wirksamste Maßnahme gegen diesen Denkfehler ist eine Überprüfung der Realität:
- Beweisaufnahme:
Fragen stellen:
„Welche konkreten Fakten sprechen dafür, dass das passiert, und welche sprechen dagegen?“ - Szenarien-Check:
Drei Varianten überlegen:- Was ist das Schlimmste, was passieren kann?
- Was ist das Beste?
- Was ist das Wahrscheinlichste? (Meist liegt die Wahrheit in der Mitte).
- Hypothesen-Test:
Den Gedanken nicht als Fakt behandeln, sondern als eine Theorie, die erst noch bewiesen werden muss.