Weiterentwicklung

Unter Weiterentwicklung (oft auch als psychologische Reife oder Differenzierung bezeichnet) versteht man in der Psychologie den Prozess der qualitativen Veränderung der Persönlichkeit. Es geht nicht nur darum, mehr Wissen oder Fähigkeiten anzuhäufen (das wäre reines Wachstum), sondern die Art und Weise, wie man sich selbst und die Welt versteht, grundlegend zu transformieren.

Dabei bewegen wir uns meist von einfachen, impulsgesteuerten Mustern hin zu komplexeren, reflektierten Sichtweisen.

Die Stufen der Ich-Entwicklung (Jane Loevinger)

Eines der fundiertesten Modelle zur Weiterentwicklung stammt von Jane Loevinger. Sie beschreibt, dass wir uns durch verschiedene Stufen der „Ich-Reife“ bewegen. Jede Stufe ist eine Weiterentwicklung, weil sie die Perspektive der vorherigen Stufe integriert, aber erweitert:

  • Impulsive Stufe:
    Fokus auf unmittelbare Bedürfnisse.
  • Konformistische Stufe:
    Orientierung an sozialen Normen und der Gruppe („Was denken die anderen?“).
  • Eigenständige Stufe:
    Entwicklung eines inneren Wertesystems und echter Autonomie.
  • Integrierte Stufe:
    Akzeptanz von Widersprüchen, Ambivalenzen und die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz.

Weiterentwicklung durch Krisen (Erik Erikson)

Nach Erik Erikson ist Weiterentwicklung ein lebenslanger Prozess, der durch psychosoziale Krisen vorangetrieben wird. In jeder Lebensphase (vom Säugling bis zum Greis) stehen wir vor einer zentralen Aufgabe.

  • Nur wenn wir den Konflikt (z. B. Identität vs. Rollenkonfusion in der Jugend) erfolgreich bearbeiten, entwickeln wir uns weiter.
  • Gelingt dies, gewinnen wir eine neue „Ich-Qualität“ (z. B. Treue, Fürsorge oder Weisheit).
  • Misslingt es, entsteht Inkonsistenz, die uns in der weiteren Entwicklung blockieren kann.

Der Mechanismus: Akkommodation vs. Assimilation (Piaget)

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget beschrieb zwei Prozesse, wie wir uns geistig weiterentwickeln:

  1. Assimilation:
    Wir passen neue Informationen in unsere bestehenden Denkmuster ein (Wachstum).
  2. Akkommodation:
    Unsere alten Muster reichen nicht mehr aus, um die Welt zu erklären. Wir müssen unsere „innere Software“ umschreiben und neue Kategorien bilden (Weiterentwicklung).

Beispiel: Ein Kind lernt, dass nicht jedes vierbeinige Tier ein „Hund“ ist. Es muss sein Weltbild anpassen, um zwischen Hund und Kuh zu unterscheiden. Das ist ein kleiner Akt der Weiterentwicklung.

Weiterentwicklung und das Gehirn

Neurobiologisch gesehen bedeutet Weiterentwicklung die Bildung komplexerer Netzwerke im Präfrontalen Cortex.

Warum Weiterentwicklung oft schmerzhaft ist

Echte Weiterentwicklung bedeutet oft den Abschied von liebgewonnenen Überzeugungen. Wenn wir uns weiterentwickeln, gerät unser System kurzzeitig in Inkonsistenz. Das Gehirn erlebt diesen Umbau als Stress, weshalb wir oft dazu neigen, an alten Mustern festzuhalten, selbst wenn sie uns schaden.

Zusammenfassung

Weiterentwicklung ist die qualitative Transformation der Persönlichkeit, bei der alte Denk- und Verhaltensmuster zugunsten komplexerer, reiferer und flexiblerer Strukturen aufgegeben werden.