Autoritarismus

In der Psychologie beschreibt Autoritarismus nicht nur ein politisches System, sondern vor allem ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal und eine soziale Einstellung. Im Zentrum steht das Spannungsfeld zwischen Unterordnung unter eine Macht und der Aggression gegen diejenigen, die dieser Macht nicht entsprechen.

Die autoritäre Persönlichkeit (Adorno et al.)

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten Forscher wie Theodor W. Adorno zu verstehen, wie es zu den Gräueltaten des Nationalsozialismus kommen konnte. Sie entwickelten das Konzept der „autoritären Persönlichkeit“.

Die Kernmerkmale sind:

  • Autoritäre Unterwürfigkeit:
    Ein unkritischer Gehorsam gegenüber idealisierten Führungspersonen oder moralischen Autoritäten.
  • Autoritäre Aggression:
    Die Tendenz, nach Personen Ausschau zu halten, die gegen konventionelle Werte verstoßen, um diese abzuwerten oder zu bestrafen.
  • Konventionalismus:
    Ein starres Festhalten an den Werten der eigenen Gruppe (der „In-Group“).

Der Rechte Autoritarismus (RWA) nach Altemeyer

In den 1980er Jahren modernisierte Bob Altemeyer das Konzept (Right-Wing Authoritarianism (RWA)). Er stellte fest, dass Autoritarismus weniger ein klinisches Krankheitsbild ist, sondern eine soziale Einstellung, die durch drei Tendenzen definiert ist:

  1. Totaler Gehorsam gegenüber den etablierten Autoritäten in der Gesellschaft.
  2. Aggressive Feindseligkeit gegenüber Minderheiten oder Menschen, die als „anders“ wahrgenommen werden (Out-Groups).
  3. Widerstand gegen Veränderungen, die traditionelle soziale Normen infrage stellen.

Psychologische Ursachen und Dynamiken

Warum entwickeln Menschen autoritäre Tendenzen? Die Psychologie nennt hier mehrere Faktoren:

  • Angst und Unsicherheit:
    Autoritarismus ist oft eine Bewältigungsstrategie für Angst. Wenn die Welt als bedrohlich oder chaotisch wahrgenommen wird, bieten klare Hierarchien und einfache Regeln (siehe: Schwarz-Weiß-Denken) psychologische Sicherheit.
  • Bedrohung der sozialen Ordnung:
    Menschen mit hohen RWA-Werten reagieren extrem sensibel auf kulturellen Wandel (z. B. Migration, neue Geschlechterrollen), da sie dies als Zerfall der Ordnung interpretieren.
  • Erziehung:
    Frühere Theorien sahen die Ursache in einer strengen, lieblosen Erziehung. Heute weiß man, dass auch die soziale Umwelt und die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen (siehe:  Massenpsychologie) eine entscheidende Rolle spielen.

Der Zusammenhang mit Vorurteilen

Autoritarismus ist einer der stärksten Prädiktoren für Vorurteile. Die psychologische Logik dahinter ist:

„Wer nicht so ist wie wir und wer sich nicht unseren Regeln unterwirft, ist eine Gefahr für das Ganze und muss bekämpft werden.“

Dies führt oft zu einer Dehumanisierung der Gegenseite, was wiederum die Hemmschwelle für Aggression senkt.

Abgrenzung: Autorität vs. Autoritarismus

Es ist wichtig zu unterscheiden:

  • Autorität:
    Basiert auf Kompetenz, Vorbildfunktion und gegenseitigem Respekt. Sie ist funktional und notwendig (z. B. zwischen Arzt und Patient).
  • Autoritarismus:
    Basiert auf Machtmissbrauch, Angst und blindem Gehorsam. Er ist dysfunktional und unterdrückt die Individuation.
Merkmal Demokratische Orientierung Autoritäre Orientierung
Denkweise Hinterfragend, tolerant gegenüber Vielfalt Dogmatisch, Schwarz-Weiß-Denken
Umgang mit Macht Machtkritisch, geteilte Verantwortung Machtverherrlichend, Wunsch nach Führung
Gegenüber Fremdem Neugierde oder vorsichtige Offenheit Ablehnung, Wahrnehmung als Bedrohung