Kompetenz
In der Psychologie beschreibt die Kompetenz (engl. competence) die Fähigkeit einer Person, komplexe Anforderungen erfolgreich zu bewältigen, indem sie Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen mobilisiert.
Hier ist die ausführliche Beschreibung des Kompetenzbegriffs aus verschiedenen psychologischen Blickwinkeln:
Die Definition nach Weinert
Eines der einflussreichsten Modelle stammt von Franz Emanuel Weinert. Er definiert Kompetenzen als:
„…die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“
Das bedeutet: Kompetenz = Können + Wollen + Handeln.
Die vier Säulen der Handlungskompetenz
In der Arbeits- und Organisationspsychologie wird Kompetenz meist in vier Bereiche unterteilt:
- Fachkompetenz:
Das theoretische Wissen und die praktischen Fertigkeiten in einem spezifischen Gebiet (z. B. Programmieren, Chirurgie). - Methodenkompetenz:
Die Fähigkeit, erlerntes Wissen auf neue Probleme zu übertragen und sich selbst zu organisieren (z. B. Zeitmanagement, Problemlösungsstrategien). - Sozialkompetenz:
Die Fähigkeit zu Kommunikation, Kooperation und Empathie im Umgang mit anderen. - Selbstkompetenz (Personale Kompetenz):
Die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Eigenmotivation und zum Umgang mit Druck und Rückschlägen.
Kompetenz und Motivation: Die Selbstbestimmungstheorie
Nach Deci und Ryan ist das Kompetenzerleben eines der drei psychologischen Grundbedürfnisse des Menschen (neben Autonomie und sozialer Eingebundenheit).
- Wenn wir uns kompetent fühlen, steigt unsere intrinsische Motivation.
- Das Gegenteil ist die erlernte Hilflosigkeit (Martin Seligman): Wenn ein Mensch erlebt, dass sein Handeln keine Auswirkungen hat (Inkompetenzerleben), sinkt die Leistungsbereitschaft massiv.
Das Stufenmodell: Von der Inkompetenz zur Meisterschaft
Ein bekanntes Modell, das in den 1970er Jahren von Noel Burch, einem Mitarbeiter bei Gordon Training International, benutzt wurde, beschreibt den Weg, wie wir Kompetenz erwerben:
- Unbewusste Inkompetenz:
Man weiß nicht, dass man etwas nicht kann. - Bewusste Inkompetenz:
Man erkennt die eigene Wissenslücke (oft der Moment des größten Leistungsdrucks). - Bewusste Kompetenz:
Man kann die Aufgabe lösen, muss sich aber noch stark konzentrieren. - Unbewusste Kompetenz:
Die Handlung ist automatisiert („Flow-Zustand“). Man „ist“ kompetent, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Kompetenz vs. Performanz
In der Psycholinguistik (Noam Chomsky) und später in der allgemeinen Psychologie wurde die wichtige Unterscheidung zwischen Kompetenz (was man theoretisch kann) und Performanz (was man in einer konkreten Situation tatsächlich zeigt) eingeführt.
- Das Problem:
Unter extremem Leistungsdruck kann die Performanz weit hinter der Kompetenz zurückbleiben (z. B. ein Blackout trotz intensiver Vorbereitung). Hier blockieren psychologische Faktoren den Zugriff auf das eigentlich vorhandene Können.
Kompetenzmessung und Selbstbild
- Selbstwirksamkeitserwartung (Albert Bandura):
Dies ist der Glaube an die eigene Kompetenz. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit gehen Aufgaben mutiger an und halten länger durch. - Dunning-Kruger-Effekt:
Ein psychologisches Phänomen, bei dem inkompetente Menschen ihre eigene Kompetenz überschätzen, während Experten dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen.
Zusammenfassung
Kompetenz ist ein dynamisches Konstrukt. Sie wächst durch Erfahrung und Reflexion, kann aber durch psychische Faktoren wie Angst oder Blockaden in der Umsetzung gehindert werden. In der Psychotherapie wird oft daran gearbeitet, die Selbstkompetenz zu stärken, damit Fach- und Methodenwissen auch unter Druck abrufbar bleiben.