ICD
Die ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das amtliche Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Während das DSM ein rein psychiatrisches Handbuch der USA ist, stellt die ICD das globale Standardwerk für sämtliche medizinischen Diagnosen dar. In Deutschland ist die Verwendung der ICD für Ärzte und Psychotherapeuten zur Abrechnung mit den Krankenkassen gesetzlich vorgeschrieben.
In der Psychologie ist das Kapitel V (F) bzw. im neuen System das Kapitel 06 von zentraler Bedeutung, da hier die „Psychischen und Verhaltensstörungen“ klassifiziert werden.
Der Generationswechsel: Von ICD-10 zu ICD-11
Aktuell befindet sich das Gesundheitswesen in einer Übergangsphase. Die ICD-10 (seit 1994) wird schrittweise von der ICD-11 abgelöst, die seit Januar 2022 offiziell in Kraft ist, aber in der deutschen Praxis (wegen technischer Anpassungen) noch eingeführt wird.
Die Struktur der ICD-10 (Kapitel F)
In der ICD-10 werden psychische Störungen mit dem Buchstaben F und einer Zahlenkombination codiert:
- F00–F09:
Organische psychische Störungen (z. B. Demenz). - F10–F19:
Störungen durch psychotrope Substanzen (z. B. Alkoholabhängigkeit). - F20–F29:
Schizophrenie und wahnhafte Störungen. - F30–F39:
Affektive Störungen (z. B. Depression, Bipolare Störung). - F40–F48:
Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (z. B. Phobien, PTBS). - F50–F59:
Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen (z. B. Anorexie, Schlafstörungen). - F60–F69:
Persönlichkeits– und Verhaltensstörungen (z. B. Borderline).
Wesentliche Neuerungen in der ICD-11
Die ICD-11 bringt fundamentale Änderungen mit sich, um dem modernen Verständnis der Psychologie gerecht zu werden:
- Dimensionaler Ansatz bei Persönlichkeitsstörungen:
Statt starrer Kategorien (wie „Paranoid“ oder „Histrionisch“) wird nun primär der Schweregrad (leicht, mittel, schwer) sowie spezifische Persönlichkeitsmerkmale (Domänen) erfasst. - Neue Diagnosen:
Die „Computerspielabhängigkeit“ (Gaming Disorder) wurde offiziell aufgenommen. Auch die „Anhaltende Trauerstörung“ ist nun eine eigenständige Diagnose. - Burnout:
Es bleibt eine Zusatzdiagnose (Z-Code), wird aber präziser als Phänomen im beruflichen Kontext definiert, nicht als eigenständige Krankheit. - Validität:
Die Kriterien wurden enger mit dem DSM-5 abgestimmt, um die internationale Vergleichbarkeit in der Forschung zu verbessern.
Die Funktion der ICD in der psychologischen Praxis
Die ICD erfüllt drei Hauptfunktionen, die über die reine Benennung einer Krankheit hinausgehen:
- Kommunikation:
Sie bietet eine einheitliche Sprache für Therapeuten, Kliniken und Gutachter. Ein Code wie „F32.1“ (Mittelschwere depressive Episode) vermittelt sofort ein klares klinisches Bild. - Abrechnung:
In Deutschland ist eine ICD-Codierung die Voraussetzung dafür, dass die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) die Kosten für eine Psychotherapie übernimmt. - Epidemiologie:
Die WHO nutzt die Daten, um weltweit die Häufigkeit von psychischen Störungen zu erfassen und Gesundheitsprogramme zu steuern.
ICD vs. DSM: Ein Vergleich der Philosophie
| Merkmal | ICD (WHO) | DSM (APA) |
| Fokus | Globaler Standard, hohe Praxisnähe. | Forschungsorientiert, sehr detailliert. |
| Entstehung | Multidisziplinär & international. | Primär durch US-amerikanische Psychiater. |
| Zugang | Fokus auf Primärversorgung weltweit. | Fokus auf spezialisierte Psychiatrie. |
| Kultur | Berücksichtigt kulturelle Unterschiede weltweit. | Stark westlich/US-zentriert geprägt. |
Kritik am System
Ähnlich wie beim DSM gibt es auch an der ICD Kritik aus psychologischer Sicht:
- Stigmatisierung:
Die Vergabe eines Codes („Labeling“) kann für Patienten belastend wirken. - Defizitorientierung:
Das System erfasst, was „kaputt“ ist, lässt aber Ressourcen und individuelle Stärken der Patienten oft unberücksichtigt. - Komorbidität:
Viele Patienten erfüllen die Kriterien für mehrere ICD-Diagnosen gleichzeitig, was die Frage aufwirft, ob die Kategorien trennscharf genug sind.