Verantwortung
Das Thema Verantwortung (engl. responsibility) ist in der Psychologie ein vielschichtiges Konzept, das verschiedene Teilbereiche von der Kognition über die Persönlichkeitspsychologie bis zur Sozialpsychologie durchzieht. Es geht dabei nicht nur um die moralische Verpflichtung, sondern vor allem darum, wie Menschen Handlungsfolgen sich selbst oder anderen zuschreiben.
Hier sind die wichtigsten psychologischen Perspektiven:
Attributions– und Kontrollüberzeugung
In der Motivationspsychologie ist entscheidend, wem wir die „Schuld“ oder das Verdienst für Ereignisse geben.
- Internale Kontrollüberzeugung:
Menschen glauben, dass sie durch ihr eigenes Verhalten Ergebnisse beeinflussen können. Sie übernehmen aktiv Verantwortung. - Externale Kontrollüberzeugung:
Ergebnisse werden dem Schicksal, Zufall oder anderen Personen zugeschrieben. Die eigene Verantwortung wird als gering wahrgenommen.
Die soziale Dimension: Verantwortungsdiffusion
Ein klassisches Phänomen der Sozialpsychologie ist der Bystander-Effekt.
- In Gruppen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzelne Person hilft oder Verantwortung übernimmt.
- Jeder denkt: „Jemand anderes wird es schon tun.“ Je mehr Menschen anwesend sind, desto stärker verteilt (und damit verwässert) sich die gefühlte individuelle Verantwortung.
Verantwortung in der Klinischen Psychologie
Hier spielt das Konzept der Überverantwortlichkeit eine Rolle, besonders bei Zwangsstörungen oder Angstzuständen:
- Betroffene fühlen sich oft für Dinge verantwortlich, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen (z. B. das Verhindern von Unfällen durch Rituale).
- Umgekehrt ist die Förderung von Eigenverantwortung ein Kernziel fast jeder Psychotherapie (Empowerment), um aus einer passiven Opferrolle in eine aktive Gestalterrolle zu finden.
Entwicklungspsychologische Sicht
Verantwortung ist eine kognitive Leistung, die mit der Reifung wächst:
- Moralische Entwicklung:
Nach Modellen wie dem von Lawrence Kohlberg entwickeln Kinder erst nach und nach ein Verständnis dafür, dass Regeln und Verantwortung über bloßen Gehorsam oder Angst vor Strafe hinausgehen. - Selbstregulation:
Die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und langfristige Folgen des eigenen Handelns zu bedenken.
Verantwortung in der Persönlichkeitspsychologie
In der Persönlichkeitspsychologie wird Verantwortung weniger als situativer Zustand, sondern als stabiles Persönlichkeitsmerkmal betrachtet. Es geht um die überdauernde Tendenz einer Person, Verpflichtungen ernst zu nehmen, moralisch zu handeln und die Konsequenzen des eigenen Tuns zu tragen.
Das Fünf-Faktoren-Modell (Big Five)
Innerhalb des Big-Five-Modells ist Verantwortung primär im Faktor Gewissenhaftigkeit (Conscientiousness) verortet.
- Pflichtbewusstsein:
Die Facette, die am stärksten mit Verantwortung korreliert. Personen mit hohen Werten fühlen sich stark an moralische Prinzipien und soziale Verpflichtungen gebunden. - Besonnenheit:
Die Tendenz, vor dem Handeln nachzudenken, was direkt mit der Übernahme von Verantwortung für spätere Folgen verknüpft ist. - Leistungsstreben:
Verantwortung wird hier oft als Antrieb gesehen, Aufgaben zuverlässig und zu Ende zu führen.
Verantwortungsbewusstsein als „Trait“
Einige Psychologen definieren ein eigenständiges Konstrukt des Verantwortungsbewusstseins. Dieses zeichnet sich durch drei Merkmale aus:
- Zuverlässigkeit:
Andere können sich darauf verlassen, dass Zusagen eingehalten werden. - Soziale Bindung:
Ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft oder anderen Individuen. - Rechenschaftspflicht:
Die Bereitschaft, auch bei Fehlern nicht nach Ausreden zu suchen, sondern die Urheberschaft anzuerkennen.
Die dunkle Triade und Verantwortung
Interessant ist die Betrachtung von Verantwortung bei Persönlichkeitstypen, die am entgegengesetzten Ende des Spektrums liegen:
- Psychopathie & Machiavellismus:
Diese Züge sind durch eine ausgeprägte Verantwortungslosigkeit gekennzeichnet. Es fehlt das Bedürfnis, für soziale Normen oder das Wohlergehen anderer geradezustehen. Handlungen werden rein utilitaristisch (nutzenorientiert) bewertet, ohne moralische Rechenschaft.
Das Profil einer verantwortungsvollen Persönlichkeit
| Merkmal | Ausprägung |
| Big Five | Hohe Gewissenhaftigkeit, hohe Verträglichkeit. |
| Selbstbild | Starkes Gefühl der Urheberschaft (Agentivität). |
| Moral | Hohe Übereinstimmung zwischen persönlichen Werten und Handeln. |
| Sozialverhalten | Prosoziale Orientierung und Integrität. |
Zusammenfassung der Kernaspekte
| Aspekt | Psychologische Bedeutung |
| Selbstwirksamkeit | Der Glaube, Verantwortung tragen zu können. |
| Entscheidungsfreiheit | Voraussetzung dafür, zur Rechenschaft gezogen werden zu können. |
| Moralisches Handeln | Die Umsetzung von Werten in konkrete Verantwortung. |
Zusammenfassend beschreibt Verantwortung in der Psychologie die stabile Bereitschaft einer Person, Handlungen aktiv als eigene Leistung oder Schuld anzuerkennen und deren Konsequenzen gegenüber sich selbst und anderen zu tragen. Sie ist eng mit der Persönlichkeitseigenschaft der Gewissenhaftigkeit sowie der Überzeugung verknüpft, das eigene Leben durch internales Handeln selbst steuern zu können.