Eigenverantwortung
In der Psychologie ist Eigenverantwortung (engl. personal responsibility) die Fähigkeit und Bereitschaft, die Konsequenzen des eigenen Handelns, der eigenen Entscheidungen und sogar der eigenen emotionalen Reaktionen als zu sich selbst gehörig anzuerkennen.
Es ist der Gegenentwurf zur Opferrolle. Während Verantwortung allgemein oft als Last empfunden wird, gilt Eigenverantwortung in der Psychotherapie als zentraler Wirkfaktor für Heilung und persönliche Autonomie.
Hier ist eine detaillierte Beschreibung aus verschiedenen psychologischen Blickwinkeln:
Das Fundament: Internale Kontrollüberzeugung
Eigenverantwortung basiert maßgeblich darauf, wo ein Mensch die Ursache für Ereignisse verortet (Locus of Control).
- Hohe Eigenverantwortung:
„Ich habe die Prüfung nicht bestanden, weil ich zu wenig gelernt habe. Ich kann das beim nächsten Mal ändern.“ - Geringe Eigenverantwortung:
„Der Lehrer war unfair, das Thema war blöd. Ich kann nichts dafür.“
Menschen mit hoher Eigenverantwortung erleben eine höhere Selbstwirksamkeit – das tiefe Vertrauen, schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können.
Eigenverantwortung in der Psychotherapie
In fast jeder Therapieform ist die Herstellung von Eigenverantwortung der Wendepunkt. Der Psychotherapeut Irvin Yalom bezeichnete sie als Voraussetzung für Veränderung: „Solange ein Mensch glaubt, seine Probleme würden ausschließlich durch andere oder äußere Umstände verursacht, gibt es für die Therapie keinen Hebel.“
- Verantwortung für Gefühle:
Ein Kernaspekt der Eigenverantwortung ist die Einsicht: „Andere können mich nicht wütend machen, ich mache mich wütend als Reaktion auf das, was andere tun.“ Das gibt die Macht über den eigenen emotionalen Zustand zurück. - Wahlfreiheit:
Auch wenn wir die Umstände nicht wählen können, tragen wir die Eigenverantwortung für unsere Einstellung dazu (Viktor Frankl).
Die Abgrenzung: Wo Eigenverantwortung endet
Ein gesundes Maß an Eigenverantwortung erfordert eine scharfe Trennung zwischen dem eigenen Einflussbereich und dem der anderen.
| Bereich | Eigenverantwortung (Ja) | Keine Eigenverantwortung (Nein) |
| Gefühle | Wie ich mit meinem Schmerz umgehe. | Die Gefühle anderer „reparieren“. |
| Handlungen | Meine Worte und Taten. | Das Verhalten meines Partners. |
| Bedürfnisse | Meine Bedürfnisse kommunizieren. | Erwarten, dass andere sie erraten. |
| Fehler | Aus Fehlern lernen und korrigieren. | Sich für Dinge schämen, auf die man keinen Einfluss hatte. |
Psychologische Barrieren der Eigenverantwortung
Warum fällt es uns oft so schwer, eigenverantwortlich zu sein?
- Sekundärer Krankheitsgewinn:
Die Opferrolle bietet Vorteile: Aufmerksamkeit, Mitleid und die Befreiung von der Pflicht, sich anstrengen zu müssen. - Angst vor Schuld:
Viele verwechseln Verantwortung mit Schuld. Wer Verantwortung übernimmt, fürchtet, bei Misserfolg allein dazustehen. - Erlernte Hilflosigkeit:
Wenn Menschen in der Kindheit erfahren haben, dass ihr Handeln keinen Unterschied macht, fällt es ihnen als Erwachsene schwer, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen.
Strategien zur Förderung der Eigenverantwortung
In Coaching und Therapie werden oft folgende Schritte genutzt:
- Sprachliche Präzision:
Ersetze „Ich muss“ durch „Ich entscheide mich für“ oder „Ich will“. Ersetze „Man sollte“ durch „Ich werde“. - Die „Was kann ICH tun“-Frage:
In Konflikten nicht fragen: „Warum ist der andere so?“, sondern: „Was ist mein Anteil an dieser Dynamik und was kann ich jetzt ändern?“ - Fehlerkultur:
Eigenverantwortung braucht die Erlaubnis, Fehler machen zu dürfen, ohne sich als Person entwertet zu fühlen.
Fazit
Eigenverantwortung ist psychologisch gesehen gelebte Freiheit. Sie ist anstrengend, weil sie die bequemen Ausreden nimmt, aber sie ist der einzige Weg aus der Ohnmacht. Wer sich selbst als Verursacher seiner Lebensgestaltung begreift, gewinnt die Regie über sein Leben zurück.